Europäischer Igel (Erinacaeus europaeus)

enlg. Hedgehog

Wildtier des Jahres 2009

Ordnung:       Insektenfresser (Eulipotyphla)

Familie:          Igel (Erinaceidae)

Unterfamilie: Stacheligel (Erinaceinae)

 

Der Igel ist - trotz seiner dämmerungs- und nachtaktiven Lebensweise - wohl eines unserer bekanntesten Säugetiere. Dies nicht nur, weil er wenig scheu, sondern ein typischer Bewohner vor allem unserer Siedlungsgebiete und damit ein Kulturfolger ist. Natürlich spielt auch sein faszinierendes Stachelkleid dabei eine wichtige Rolle. Zudem kann man die Igel leicht an den Futternäpfen der Katzen und Hunde beobachten, an denen sie sich gern lautstark zu schaffen machen.

Viele untergewichtige Jungigel bzw. erkrankte und verletzte Igel, die über den Winter von Natur- und Tierfreunden betreut werden und dann nicht zwingend zum Winterschlaf übergehen müssen, werden so - zumindest kurzzeitig - zu häuslichen Mitbewohnern.

Trotzdem wird vor allem der Igel mit den „Schattenseiten“ der menschlichen Siedlungsstrukturen konfrontiert. Der Straßenverkehr fordert einen hohen jährlichen Tribut an überfahrenen oder an ihren Verletzungen verendeten Tieren. Zudem engen eine überzogene Ordnung und Sauberkeit in Klein- und Vorgärten den Lebensraum für unsere Igel erheblich ein. 

 

Abb. 1: © Carsten-Nadale / PIXELIO

Vorkommen

Europäische Igel gehören zu den elf bekannten Stacheligel-Arten, die es weltweit gibt.

Der Igel ist entwicklungsgeschichtlich betrachtet eine sehr alte Art, die bereits vor 50 Millionen Jahren mit dem gleichen Stachelkleid und Knochenbau – wie heute – gelebt hat.

Zur Familie der Igel (Erinaceidae) zählen auch fünf Arten der stachellosen Ratten- oder Haarigel (Galericinae), die einen langen, rattenähnlichen Schwanz haben.

Bei uns kommen zwei Igelarten vor: Der allgemein verbreitete Europäische bzw. West- oder Braunbrustigel (Erinacaeus europaeus) und im östlichen Landesteil der Ost- oder Weißbrustigel (Erinacaeus roumanicus), der durch eine weiße Kehle und Brust gekennzeichnet ist. Die Verbreitungsgrenze bildet eine Linie zwischen der Ostsee und der Adria. Zwischen den beiden Arten kann es zu Bastarden kommen.

Biotop

Igel bevorzugen unterwuchsreiche Laub- und Mischwälder, Friedhöfe, Feldraine, gehölzreiche Feldfluren, Streuobstwiesen, Parks und vor allem Gartenlandschaften. Das Gelände muss trocken sein und genügend Deckung (Hecken und Gebüsch) aufweisen. Im Gebirge kommen Igel bis in ca. 2.000 m Höhe vor.

Aussehen

Erwachsene Igel haben ca. 8.000 bis 10.000 (nach anderen Angaben auch 16.000) 2 bis 3 cm lange und 1 mm dicke graubraune Stacheln mit hellen Spitzen, die in die Rückenhaut eingebettet sind. Der Kopf, die Unterseite und die Beine sind mit hell- bis dunkelbraunen Haaren bedeckt. Ausgewachsene Igel wiegen ca. 1.000 bis 1.500 g. Männchen und Weibchen lassen sich nur an den Geschlechtsteilen unterscheiden, ansonsten weder äußerlich noch in der Größe. Zudem besitzen beide Geschlechter Zitzen, deren vorderste sich am Hals befindet.

Bei Gefahr zieht sich der Igel zu einer Stachelkugel zusammen. Dies bewirkt ein dicker Ringmuskel unter der Rückenhaut, der im Zusammenspiel mit dem Schwanz-Rückenmuskel den Panzer über das Tier zieht. Dabei werden die zwei bis drei Zentimeter langen Stacheln steil aufgestellt. Nur auf der Unterseite bleibt eine winzige Stelle offen, in die kaum ein Finger und schon gar nicht eine Hundeschnauze passt. Daher hat der ausgewachsene Igel wenige Feinde, die diesen Panzer „knacken“ können. Zu diesen zählen der Uhu, einige Greifvögel, Wildschwein, Dachs und Fuchs. Füchse überwältigen Igel, indem sie auf diese urinieren und sie so zum Ausrollen zwingen. Igel werden zudem von diversen Endo- (Lungenwürmer, die Hustenreiz auslösen) und Ektoparasiten (Milben, Flöhe und Zecken) befallen. Viele erkranken auch an Infektionskrankheiten, so z. B. an Salmonellose.

Das Sehvermögen des Igels ist bei hellem Licht nur mäßig ausgeprägt und das Farbensehen eingeschränkt. Igel riechen allerdings ausgezeichnet und können sich in dunklen Räumen sehr gut orientieren. Man vermutet daher, dass Igel – ähnlich wie Fledermäuse – ein Organ zur Echolotung besitzen. Auf Geräusche wie Zungenschnalzen, Zischen, schrille Töne, Schalter, Kameras, Feuerzeuge u. a. reagieren Igel empfindlich.

Stimme: Sehr vielseitige Rufe und Laute, so z. B. Schnaufen, Brummen, Keckern, Knurren, Pfeifen, leises Fiepen, aber auch Schreien.

Alter: In der freien Wildbahn werden Igel vermutlich vier bis fünf Jahre alt und nur selten älter (bis acht Jahre).

Winterschlaf

Von Oktober/November bis März/April halten Igel Winterschlaf. Dazu suchen sie bei anhaltenden Bodentemperaturen um den Gefrierpunkt ein Winterquartier auf, z. B. Erdhöhlen, Scheunen, Schuppen, Laub- und Reisighaufen. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit sind Igel im Herbst auch tagsüber aktiv, denn insbesondere die Jungtiere müssen sich für den bevorstehenden Winterschlaf noch einige Fettreserven anfressen.

Während des Winterschlafes verlieren Igel 20 bis 40 Prozent ihres Körpergewichts. Ihre Körpertemperatur fällt in dieser Zeit von 34,8 bis 36,8 °C auf (4)6 bis 9 °C. Die Herzfrequenz sinkt auf 18 Schläge/Minute (normal 280 bis 320 Schläge) und die Atemfrequenz auf 4 bis 9 Atemzüge/Minute (normal 40 bis 50 Atemzüge).

In südeuropäischen Ländern können Igel hingegen im Sommer, bei fehlender Feuchtigkeit und damit verbundenem Nahrungsmangel, in eine Art Trockenschlaf fallen.

Fortpflanzung

Die Hauptfortpflanzungszeit liegt zwischen April und August (September). Vor der Paarung umkreist das Männchen das Weibchen. Dabei geht es sehr lebhaft und auffällig zu: Es wird gebissen, geschubst, gefaucht und geknurrt. Dies kann sich über Stunden und manchmal sogar über Tage hinziehen. Die Paarung findet statt, indem das Weibchen die Stacheln ganz flach anlegt und das Männchen dann vorsichtig aufsteigt.

Nach etwa 34 bis 49 Tagen Tragezeit kommen fünf  bis sieben (manchmal bis zu zehn) Jungigel zur Welt. Diese sind bei der Geburt 15 bis 25 Gramm schwer, rund sechs bis neun Zentimeter lang und tragen etwa 100 weiße Stacheln, die noch weich und in der Rückenhaut eingelagert sind. Zusätzlich enthält die Haut viel Wasser. In dieses schwammige Polster werden die weichen Stacheln hineingedrückt. Nach drei bis fünf Tagen erscheinen die ersten Stacheln. Das Stachelkleid ist nach ca. sechs Wochen vollständig ausgebildet und die Babystacheln sind dann ausgefallen. Die Augen und Ohren beginnen sich erst nach zwei Wochen zu öffnen. Die Igeljungen werden rund 42 Tage gesäugt. Danach folgen sie der Mutter bei ihren Beutezügen und erschnüffeln sich ihre Nahrung selber. Kurz danach sind sie selbständig und bei der Futtersuche auf sich selbst angewiesen. In diesem Lebensabschnitt beträgt ihr Gewicht etwa 300 Gramm. Jungigel können bei entsprechendem Nahrungsangebot bis zu 10 g/Nacht zunehmen. Im darauffolgenden Jahr sind die Jungigel dann geschlechtsreif und können sich fortpflanzen. Wiegen Jungigel Anfang bis Mitte November weniger als 400 bis 500 g (nach anderen Angaben 600 bis 700 g), ist es fraglich, ob sie nach dem Winterschlaf wieder aufwachen. Eine Überwinterung in menschlicher Obhut wäre zu empfehlen, ist allerdings in der Wissenschaft ob ihrer Notwendigkeit umstritten. Denn wichtiger wäre vielmehr der Schutz ihrer Lebensräume! Kranke Igel sehen nicht rund und birnenförmig wie ihre gesunden Artgenossen aus, sondern sie haben einen krummen Rücken, eingefallene Flanken und einen sichtbaren Halseinschnitt.

 

Abb. 2: © mensi / PIXELIO


Nahrung

Igel sind dämmerungs- und nachtaktive Allesfresser, die ein breites Nahrungsspektrum haben. In ihren bis zu 50 ha großen Streifgebieten erbeuten sie Laufkäfer, Engerlinge, Raupen und sonstige Insekten, Regenwürmer, Ohrwürmer, Schnecken, Hundert- und Tausendfüßler sowie Spinnen. Eidechsen, nestjunge Mäuse und Eier von Bodenbrütern werden ebenso wenig verschmäht wie Aas. Die Kämpfe zwischen Giftschlangen (z. B. unsere heimische Kreuzotter) und Igeln sind verbürgt. Haben die Schlangen oft schon deshalb das Nachsehen, wenn sie das Stachelkleid treffen, so scheinen auch einige Igel Treffer am Kopf „wegzustecken“, ohne dass das Gift bei ihnen Wirkung zeigt. Hat der Igel die Schlange überwältigt, wird sie gefressen. Auch gegen Bienen- und Wespengift sind Igel offenbar immun und selbst die Spanische Fliege (Lytta vesicatoria) wird von ihnen verzehrt. Ein Mensch stirbt schon an 0,03 g dieses Giftes. Igel fressen aber auch Fallobst, Beeren und Gemüse. Gegenstände, die einen fremden Geruch verströmen, werden vom Igel oft intensiv durchgekaut. Mit dem dabei entstehenden schaumigen Speichel bespucken sich die Tiere. Die Funktion dieses Verhaltens ist noch unklar.

Bestand

Igel haben zwar 8.000 Stacheln, aber gegen den Menschen keine Chance. Dies betrifft besonders die Igel im Straßenverkehr. In der Dämmerung suchen sie gern die noch warmen Asphaltstraßen nach Beutetieren ab und werden dann selbst zu Opfern. Nach Schätzungen werden jährlich mehr als 150.000 Igel überfahren. Andere Erhebungen gehen sogar von bis zu 1 Million Verkehrsopfern aus. Nach harten Wintern können dadurch 50 bis 60 % des Igelbestandes gestorben sein. Der Siedlungs- und Straßenbau schränkt zudem ihren Lebensraum ein und wirkt sich auch auf Unterschlupfmöglichkeiten und Nahrungsangebot aus. Vor allem in Gärten fehlt es daran häufig. Außerdem können Schneckenkorn und Rattengift einigen Igeln zum tödlichen Verhängnis werden, wobei andere selbst hochgiftige Substanzen (z. B. Blausäure) problemlos vertragen. Swimmingpools und Gartenteiche ohne Ausstieg führen zum Ertrinken vieler Igel, die zwar schwimmen können, sich aber schnell zu Tode erschöpfen. Kleine Bretter als Ausstiegshilfen (wie z. B. Hühnerleitern) können vielen Igeln das Leben retten. In durchgängigen Maschendrahtzäune können sich Igel verheddern und strangulieren. Aber auch achtlos weggeworfene Gläser und Konservendosen, in welche die Igel ihren Kopf stecken, und diesen dann nicht mehr frei bekommen, können zum Tod führen. In einem naturnahen Garten sollte generell auf Gifte jeder Art verzichtet werden. Ein Komposthaufen und Büsche gehören in jeden Garten. Gern nehmen Igel hohle Baumstämme, Reisig- und Laubhaufen, Holzstapel, Igelkuppeln (aus dem Fachhandel) oder kleine Holzhäuser mit Einschlupf als Quartier. Im Frühjahr müssen Reisighaufen, die verbrannt werden sollen, auf überwinternde Igel kontrolliert werden.

 

© Dirk Schäffer (07/2009)

Stichworte: Igel, Hedgehog, Erinacaeus europaeus, Wildtier des Jahres 2009, Stacheln, Stacheltier, Winterschlaf, Verkehrsopfer, Kulturfolger

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