Die Fledermäuse (Microchiroptera)
"Noch ehe bei uns an schönen Tagen die Sonne zur Rüste gegangen ist, beginnt eine der merkwürdigsten Ordnungen unserer Klasse ihr eigentümliches Leben. Je mehr die Dämmerung hereinbricht, um so mehr treten diese dunklen Gesellen auf, bis mit eintretender Nacht alle munter geworden sind und nun ihr Wesen treiben. Es sind die Fledermäuse ..." So beschrieb sie einst der bekannte Alfred Brehm in seinem Tierleben.
Aufgrund ihrer nächtlichen Lebensweise, ihres Aussehens und der Ernährung der Vampirfledermäuse durch Blutsaugen, wurde kaum eine andere bekannte Tiergruppe in der Literatur bzw. in der Mythologie mehr als Symbol für alles Böse benutzt, als die Fledermäuse. Sie waren dem Menschen nie ganz geheuer und so paarten sich Aberglaube mit Unwissenheit, in deren Folge Fledermäuse selbst noch in der heutigen Zeit mit scheelen Blicken – falls sie überhaupt noch beobachtet werden können – argwöhnisch betrachtet oder auch getötet werden. Noch im 16. Jh. sah man sie als "Zwitterding" zwischen Vogel und Maus an und im Mittelalter nagelte man sie wie die Eulen an Scheunentore, um Krankheiten und Hexen fernzuhalten.
Systematik
Die
Ordnung Fledertiere (Chiroptera) ist die einzige Säugetiergruppe,
die über aktives Flugvermögen verfügt und aufgrund dieser Anpassungen
einige spezielle Besonderheiten sowohl im Körperbau als auch im Verhalten
herausgebildet hat.
Innerhalb der Fledertiere unterscheidet man zwei Unterordnungen.
Die Flughunde (Megachiroptera) besiedeln tropische und subtropische Gebiete der Alten Welt. In Amerika kommen sie nicht vor. Die nördlichste Verbreitungsgrenze in Europa stellt der bis nach Zypern vordringende Kleine Flughund (Rousettus aegyptiacus) dar. Flughunde ernähren sich von Früchten, Pollen und Nektar.
Die
Fledermäuse (Microchiroptera) sind – mit Ausnahme der Polargebiete
– weltweit in ca. 900 verschiedenen Arten verbreitet.
Fledermäuse ernähren sich nicht nur pflanzlich wie die Flughunde,
sondern auch animalisch von Fischen, Amphibien und vor allem Insekten aller
Art.
Morphologie
Ihr
Körperbau weist einige markante Besonderheiten auf, mit deren Hilfe sie
sich hervorragend an ein Leben in der Luft anpassen konnten. Die Vordergliedmaßen
haben sich zu Flügeln entwickelt, deren Tragfläche ein dünnes
Gewebe bildet, das von vielen Blutgefäßen, Nerven und Muskeln durchzogen
wird. Darauf weist auch ihr lateinischer Name Chiroptera – Handflügler
hin. Das verknöcherte Brustbein besitzt einen Mittelkamm, mit dessen Hilfe
die Flugmuskelansatzfläche vergrößert wurde. Der Daumen ist
mit einer kräftigen Klaue ausgestattet, die zum Festhalten und Anklammern
dient. Ebenso sind die Hintergliedmaßen mit kräftigen Zehen versehen,
die das bekannte Kopfüberhängen der Fledermäuse ermöglichen.
Trotzdem können die Fledermäuse auch sehr gut klettern oder laufen
und einige Arten auch sehr gut schwimmen.
Viele Fledermausarten wurden als Überträger der Tollwut nachgewiesen. Dies betrifft besonders die blutsaugenden, tropischen Vampirfledermäuse, aber auch einige europäische Arten. Der Tollwut-Virus ist allerdings nicht identisch mit denen, durch die Nutztiere infiziert werden.
Orientierung
Am
prägnantesten ist allerdings das Orientierungssystem dieser Tiergruppe.
Bereits vor 200 Jahren versuchte der italienische Geistliche und Naturforscher
Lazzaro Spallanzani dem Rätsel über die nächtens fliegenden Fledermäuse
auf die Spur zu kommen. Im seinem abgedunkelten Studierzimmer spannte er Drähte
und stellte fest, dass seine Fledermäuse – selbst wenn sie geblendet waren
– allen Hindernissen geschickt auswichen. Erst als er ihnen die Ohren verstopfte,
fingen sie an zu taumeln. Seine Erkenntnis, dass Fledermäuse "mit
den Ohren sehen", erntete damals nur Spott. Erst 1938 entdeckte der Biologiestudent
Donald Griffin mithilfe des ersten Ultraschallmikrofons der Welt die Ultraschallpeilsignale
der Fledermäuse, die außerhalb des menschlichen Hörvermögens
gesendet werden.
Über die besonders großen Ohren können sich die Tiere hervorragend akustisch orientieren. Im Kehlkopf erzeugte und über das Maul ausgestoßene Schallwellen werden von Gegenständen reflektiert und erzeugen Echos, die von den Ohren aufgezeichnet werden. Über diese Echos erhält die Fledermaus Informationen über Größe, Entfernung und Struktur eines Objektes oder Beutetieres.
Diese Form der Orientierung wird als Echolot-Ortung bezeichnet. Die gesendeten Signale liegen im Ultraschallbereich zwischen 20 und 140 kHz und damit außerhalb des menschlichen Hörvermögens, dessen Hörgrenze bei 20 kHz liegt. Einige Angst- und Abwehrlaute sind aber trotzdem hörbar.
Die Peilung der Fledermäuse ist so ausgezeichnet, dass sie selbst Fäden von 0,05 mm Stärke orten und sicher umfliegen können. Während des Fliegens können sie zudem Geschwindigkeiten zwischen 10 und 50 km/h entwickeln.
Nahrung
Erbeutet
werden vor allem Insekten und von denen mit Vorliebe Käfer, Mücken
und Nachtschmetterlinge (bis zu 95,0 % bei einigen Arten). Unter den Nachtfaltern
sind es vor allem Arten, die in Forst- und Landwirtschaft bei Massenvermehrung
als Schädlinge auftreten können. Das sind z. B. Nonne, Kiefernspinner,
Eichenwickler, Frostspanner, Wurzelbohrer und verschiedene Eulenfalter. Von
diesen werden dann pro Tag enorme Mengen verspeist. Durchschnittlich muss eine
Fledermaus bis ein Viertel ihres Körpergewichts, das zwischen 5 und 35
g liegt, täglich aufnehmen. So kann ein Abendsegler im Jahr bis1.8 kg Nahrung
verzehren. Fledermäuse eignen sich damit hervorragend als natürliche
Schädlingsbekämpfer.
Aufgrund ihres Echolotes können Fledermäuse so kleine Objekte wie Mücken noch in einer Entfernung von 20 Metern orten. Einige Nachtfalter haben aber eine raffinierte Abwehrstrategie ermittelt: Empfangen sie das Peilsignal der Fledermaus, dann lassen sie sich sofort zu Boden fallen. Einige Falter imitieren auch im letzten Augenblick die Angriffssignale der Fledermäuse, um deren Echolot-Signale erfolgreich zu stören und sie zum Abdrehen zu bewegen.
In Südamerika ernähren sich einige Fledermausarten auch von Früchten bzw. jagen andere auch Fische und Frösche.
Fortpflanzung
Die
Begattung der europäischen Fledermausweibchen findet im Herbst statt. Die
Männchen haben dann bereits ihre Aufgabe beendet und werden ihren Nachwuchs
nie kennenlernen. Die Eireife erfolgt bei den Weibchen erst nach der Winterruhe.
Zu diesem Zeitpunkt befruchtet der im Herbst aufgenommene männliche Samen
das im Eileiter reifende Ei. Tropische Fledermäuse, die keinen Winterschlaf
halten, verfügen nicht über die Fähigkeit der Verzögerung.
Die Tragzeit ist von Art zu Art verschieden und liegt zwischen 55 und 75 Tagen.
Dann bringen die Weibchen ein bis zwei nackte und blinde Junge in sogenannten
Wochenstuben zur Welt. In diesen können sich hunderte bis tausende von
Weibchen - vor allem in den Tropen - mit ihren Jungen versammeln. Als Wochenstuben
können Nist- bzw. Fledermauskästen, Dachstühle, Baumhöhlen
und selbst die Abstände hinter Fensterläden dienen.
Das Junge wird anfangs nur durch den mütterlichen Körper gewärmt, an dem es sich festkrallt bzw. sich an einer sogenannten Haltezitze festsaugt. Nach 14 Tagen fangen die Zähne an durchzubrechen. Spätestens dann, wenn das Junge ein eigenes Fell ausgebildet hat, bleibt es selbständig am Ruheplatz hängen, wenn das Muttertier das Quartier verlässt. Über Stimmfühlungslaute findet das Muttertier sein Junges aus den anderen heraus. Im Alter von 45 bis 60 Tagen beginnen die Jungen unbeholfen zu fliegen. Erst mit 15 Monaten werden die Jungtiere geschlechtsreif.
Winterruhe
und Wanderungen
Einige
Fledermausarten halten Winterschlaf und bilden dabei riesige Kolonien, andere
wandern wie Zugvögel in Winterquartiere. Fledermäuse sind diejenigen
Säugetiere, die am meisten auf die Temperatur ihrer Umgebung angewiesen
sind. Für den fast halbjährigen Winterschlaf suchen sie bevorzugt
unterirdische Höhlen, Gewölbe oder Keller auf. Aber auch Baumhöhlen,
Felsspalten und Dachböden stellen mögliche Quartiere dar. Dabei sind
alle Lebensfunktionen stark herabgesetzt und die Körpertemperatur sinkt
auf nahezu 2 °C bis 8 °C, die Herzfrequenz von 880 auf 18 Schläge / min.
Die Tiere leben sozusagen auf Sparflamme und erreichen deswegen in Mitteleuropa
wahrscheinlich ein Alter von bis zu 15 Jahren. Beim Aufwachen "heizen"
sich die Tiere innerhalb von 60 bis 90 Minuten von 3 °C auf 38 °C auf. Dabei
verbrauchen sie die im Herbst angefressenen Fettreserven. Passiert dieser Vorgang
mehrmals (durch Störungen) während des Winters wird die Energiereserve
schnell aufgebraucht und die Tiere wachen nicht mehr auf.
An idealen Überwinterungsplätzen kommt es oft zu enormen Massenansammlungen von Tieren.
So gilt nach aktuellen Schätzungen nicht die afrikanische Serengeti mit ihren Streifen-Gnu Herden als größte Masse von Säugetieren einer Art an einem Ort, sondern eine amerikanische Höhle bei San Antonio in Texas. Hier überwintern jedes Jahr 30 Millionen Dreizackblattnasen. Den Sommer verbringen die Individien dieser Fledermausart weit verstreut in Mexiko.
Für einige Arten wurden enorme Zugleistungen nachgewiesen. So konnten bei einer nordamerikanischen Art vom Sommer- bis zum Winterquartier Entfernungen von bis zu 1.300 km ermittelt werden. Der Abendsegler legt bis zu 900 km und die Rauhhautfledermaus bis zu 1.250 km zurück.
Fledermäuse
in Deutschland
In
Deutschland wurden bisher 22 Fledermausarten nachgewiesen, die man zu 9 verschiedenen
Gattungen aus 2 Familien zählen kann.
Familie Hufeisennasen (Rhinolophidae)
Gattung Hufeisennasen (Rhinolophus)
Große Hufeisennase (Rhinolophus ferrum-equinum)
Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros)
Familie Glattnasen (Vespertilionidae)
Gattung Mausohrfledermäuse (Myotis)
Großes Mausohr (Myotis myotis)
Kleines Mausohr (Myotis blythi)
Wasserfledermaus (Myotis daubentoni)
Bechstein-Fledermaus (Myotis bechsteini)
Fransenfledermaus (Myotis nattereri)
Wimperfledermaus (Myotis emarginatus)
Große Bartfledermaus (Myotis brandti)
Kleine Bartfledermaus (Myotis mystacinus)
Teichfledermaus (Myotis dasycneme)
Gattung Mopsfledermäuse (Barbastella)
Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus)
Gattung Langflügelfledermäuse (Miniopterus)
Langflügelfledermaus (Miniopterus schreibersi)
Gattung Breitflügel- und Nordfledermaus (Eptesicus)
Breitflügelfledermaus (Eptesicus serotinus)
Nordfledermaus (Eptesicus nilssoni)
Gattung Vespertilio
Zweifarbfledermaus (Vespertilio discolor)
Gattung Zwergfledermäuse (Pipistrellus)
Zwergfledermaus (Pipistrellus pipistrellus)
Rauhhautfledermaus (Pipistrellus nathusii)
Alpenfledermaus (Pipistrellus savii)
Gattung Abendsegler (Nyctalus)
Großer Abendsegler (Nyctalus noctula)
Kleiner Abendsegler (Nyctalus leisleri)
Gattung Langohrfledermäuse (Plecotus)
Braunes Langohr (Plecotus auritus)
Graues Langohr (Plecotus austriacus)
Aktuelle Situation
Alle Fledermäuse sind von der Zerstörung ihrer Lebensräume (Winter-, Sommerquartiere sowie Wochenstuben), der Vergiftung durch den Einsatz von Holzschutzmitteln und der Vernichtung ihrer Nahrungsgrundlage – den Insekten – immens betroffen. Deshalb sind mittlerweile fast alle europäischen Fledermausarten in ihrem Bestand gefährdet und stehen darum folgerichtig unter strengem Schutz.
Um die verbliebenen Bestände langfristig zu schützen und zu erhalten, bedarf es folgender Schutzmaßnahmen, um diese einzigartige und faszinierende Tiergruppe zu retten:
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