Schneeammer (Plectrophenax nivalis)

Snow Bunting 

Ordnung: Sperlingsvoegel (Passeriformes)
Familie: Ammern (Emberizidae)

Kaum ein anderer Landvogel brütet so weit nördlich, wie die Schneeammer. In vielen arktischen Gebieten ist sie deshalb auch die häufigste Vogelart. Bereits im Herbst bevor der Winter bei uns Einzug hält, erscheinen die Schneeammern in kleinen Trupps an den deutschen Küsten, um wie viele andere arktische Wintergäste auch, das Wattenmeer und sein reichhaltiges Nahrungsangebot als Überwinterungsplatz zu nutzen. Ammern sind Vögel mit kurzem dickem Schnabel, die überwiegend im offenen Gelände anzutreffen sind. Die Bezeichnung Plectrophenax (lat. Trugsporn) im Artnamen der Schneeammer weist auf die lange Hinterkralle hin, die eine Anpassung und Unterstützung für das häufige Laufen der Schneeammer darstellt. Der Vogelfuß erhält damit einen zusätzlichen Halt. Der zweite Teil des Namens nivalis (lat. schneeweiß) bezieht sich auf einige wenige der Ammern – wahrscheinlich die ältesten Männchen – die, wenn sie im Winterkleid zu uns kommen, fast weiß sind und aus den Schneeammertrupps deutlich hervor stechen.

Vorkommen

In Europa brütet die Schneeammer in den Tundren, Gebirgen und an den Küsten des hohen Nordens. So z.B. auf Island, den Faröern und um das grönländische Inlandeis sowie in Norwegen, Schweden, Lappland, Finnland und Schottland. Aber auch an den Küsten des sibirischen Eismeeres, auf den arktischen Inseln Spitzbergen, Jan Mayen und auf der Bäreninsel. Außerdem brüten Schneeammern auch in den arktischen Gebieten Nordamerikas. Als Biotope werden Flechtentundren mit wenig Vegetation bis nahe an den Eisrand und hochgelegene Fjällflächen bevorzugt. Dabei wird sehr steiniges Gelände besiedelt. An den Meeresküsten und an Flussmündungen der Tundren bietet das aufgetürmte Treibholz einen idealen Lebensraum. Die sich daran anschließenden offenen Tundrenflächen werden von einer anderen Ammernart, der Spornammer (Calcarius lapponicus) bewohnt. Aber auch Ruderalflächen, Äcker und bereits abgeerntete Felder werden von den Schneeammern genutzt. In Deutschland kann man Schneeammern vor allem an der Nord- und Ostseeküste von September/Oktober bis April als häufigen Wintergast beobachten. Im Binnenland gelingt dies deutlich seltener.

Wanderungen

Im Winter sind Schneeammern vor allem auf übersichtlichem und spärlich bewachsenem Gelände anzutreffen, wobei sie artreine Schwärme bilden. Bei der Wahl des Winterquartiers sind sie sehr flexibel und ihr Verhalten wird stark durch das Wetter beeinflusst. So können Schneeammern sowohl Langstreckenzieher als auch Teilstrecken- oder Kurzzieher sein. Das Wanderverhalten kann individuell aber auch sehr extrem sein. So überwinterte ein Vogel für einen Winter in Westeuropa und verbrachte den nächsten bereits in Nordamerika (Neufundland). Grönländische Schneeammern überwintern vor Ort oder ziehen zu den britischen Inseln und Irland. Andere grönländische Ammern fliegen nach Nordamerika oder nach Nordrussland. In Europa überwinternde Schneeammern wandern bis Rumänien und an die französische Mittelmeerküste. Schneeammern wurden aber auch schon über dem grönländischen Inlandeis und sogar direkt am Nordpol beobachtet. Ein Exemplar hatte sich bis nach Hawaii verirrt.

Merkmale

Die Schneeammer ist mit 17 cm Größe sperlingsgroß. Sie hat einen gedrungenen Körper, mit langen Flügeln und einem relativ kurzen Schwanz. Das Gewicht der Schneeammer beträgt je nach Jahreszeit und Nahrungsangebot 30 bis 40 g. Tritt durch die Zugbelastung ein Gewichtsverlust ein, kann dieser durch schnelle tägliche Zunahmen (2 g / Vogel / Tag) ausgeglichen werden. Wie kaum ein anderer Singvogel variiert die Schneeammer in den verschiedenen Altersstufen und während der Jahreszeiten in ihrer Gefiederzeichnung. Dies hatte früher zu derartigen Verwirrungen geführt, dass einige Forscher die verschiedenen Kleider für mehrere Arten hielten. Die großenteils weißen Flügel heben sich allerdings zu allen Jahreszeiten vom übrigen Gefieder ab, was im Flug besonders gut zu sehen ist. Der Schnabel ist im Sommer grauschwarz gefärbt und im Winter braun- bis orangegelb, mit schwarzer Spitze. Beine und Füße sind schwarz gefärbt und die Iris ist von brauner Farbe. Das Männchen ist im Brutkleid durch seine schwarzweiße Färbung sehr auffällig. Der Kopf, der Hals und die Unterseite sind weiß. Der Rücken, die Handflügel und die Schwanzmitte sind schwarz gefärbt. Im winterlichen Schlichtkleid sind Kopf und Nacken gelbbraun gefärbt, da die weiße Grundfarbe durch rostbraune bzw. beige Federränder verdeckt wird. Das gleiche gilt für den schwarzen Rücken, der aufgrund der Federränder braun bzw. gelb gestreift aussieht. Besonders gut sichtbar sind im Flug die weißen Flügelspitzen. Die Schneeammerweibchen sind deutlich kontrastärmer gekennzeichnet. Im Brutkleid ist am Kopf deutlich mehr weiß, wobei die Ohrgegend braun gefärbt und der Nacken schwarz getüpfelt ist. Das Schlichtkleid der Weibchen ist ähnlich dem der Männchen. Der Schwarzanteil auf dem Rücken ist allerdings geringer. Der Schwanz zeigt an den Außenkanten weniger weiß. Die Änderungen im Gefieder werden vor allem durch die Abnutzung der andersfarbigen Federsäume bewirkt. Die Jungvögel haben noch eine bräunliche Unterseite sowie eine dunklere Brust und Flanken. Der Gesang besteht aus kurzen, klaren Trillern mit raschem Tonhöhenwechsel. Das Lautinventar der Schneeammer ist sehr vielseitig. So ist z.B. der oft zu hörende Suchruf ein sehr variabler Laut und ist - als ein kurzes pfeifendes „piü“ - weit zu hören. Die ältesten beringten Schneeammern wurden neun bis zehn Jahre alt.

Nahrung

Schneeammern ernähren sich vor allem von kleinen Sämereien und bodennahen Insekten, die sie im Spülsaum des Wattenmeeres oder an den Pflanzen der anliegenden Salzwiesen finden. An Sämereien werden besonders die von Strandroggen, Schilf, Gras, Miere, Queller, verschiedenen Melden u.a. Salzpflanzen gefressen. Von den Insekten sind es Käfer, Schnaken und Schmetterlinge sowie deren Eier und Raupen. Auch verschiedene Spinnenarten gehören zur Beute. Bei der Nahrungssuche bilden Schneeammern dichte Schwärme, die sich immer in einer Richtung entlang des Nahrungsplatzes (z.B. Spülsaum) vorwärts bewegen. Dabei werden die vordersten Vögel regelmäßig überholt, indem die hintersten Vögel auffliegen und wieder vorn landen. Während der Nahrungssuche im Spülsaum sind die Schneeammern oft mit Berghänflingen (Carduelis flavirostris) und Ohrenlerchen (Eremophila alpestris) vergesellschaftet, die hier ebenfalls Wintergäste aus dem hohen Norden sind. Aber auch Misthaufen, Viehfütterungsplätze, Silos, Wintergetreide- und Stoppeläcker, Viehweiden und Grünländer werden zur Nahrungssuche genutzt.

Brutbiologie

Als Brutvogel des hohen Nordens kommt die Schneeammer hervorragend mit winterlichem Wetter zurecht. Zwischen Mitte Mai bis Juni, je nach Schneeschmelze, treffen die Ammern am Brutplatz ein. Oft bleiben einige Brutpaare für mehrere Brutzeiten und auch über diese hinaus zusammen. Die Männchen singen von einer erhöhten Warte aus und zeigen anfangs auch Singflüge. Die Schneeammern sind Bodenbrüter. Das Nest wird versteckt zwischen oder unter Steinen sowie in Treibholzhaufen angelegt. Es besteht aus trockenen Halmen, Moos und Flechten. Innen wird das Nest mit Federn und Haaren ausgepolstert, die als Wärmedämmung dienen. Bis zu 570 Federn wurden schon in einigen Nestern zur Auspolsterung gefunden. Besonders die weißen Federn von Schnee-Eulen, Schnee-Hühnern und Möwen werden gern verbaut. Dazu kommen auch Federn von Steindler und Kolkrabe sowie Haare vom Schnee-Hasen, vom Moschusochsen sowie Schafen und Renen. Nicht selten besteht eine enge Nachbarschaft zum Menschen. So kann man die Nester z.B. auch in Autowracks, in weggeworfenem Hausrat, in Mauerfugen und in alten Ölfässern finden. Ebenso auf Flugplätzen und im Baugelände. Auch Mehrfachnutzungen von einzelnen Nestern und die Nutzung von Nistkästen sind bekannt. Das Ammerweibchen bebrütet die (3)4 bis 6(8) grünlichweiß bis rahmfarben gezeichneten und mit einer m.o.w. starken rostbraunen Fleckung versehenen Eier allein. Während der 12 bis 13tägigen Brutzeit wird es vom Männchen gefüttert. Schneestürme übersteht das Weibchen vergraben im Schnee. In diesem Zustand kann es über mehrere Tage hindurch ausharren. Die Aufzucht erfolgt hauptsächlich über tierische Beute. Gefüttert werden die jungen Ammern mit kleinen Regenwürmern, Strandflöhen, Stechmücken und Strandasseln. Nach 9 bis 13 Tagen Fütterung verlassen die jungen Schneeammern dann das Nest und werden noch bis zu 12 weiteren Tagen außerhalb des Nestes gefüttert. Dabei werden die Jungen aufgeteilt, so dass Männchen und Weibchen nur einen Teil der Jungen betreuen. Im September/Oktober beginnt der Abzug der Schneeammern aus ihren arktischen Brutgebieten und die Vögel verteilen sich auf die verschiedenen Winterquartiere.

Bestand

In Deutschland ist die Schneeammer Wintergast, der in kleinen Trupps in strengen Wintern bis zu den Alpen vordringen kann. Ansonsten kann die Schneeammer regelmäßig an den Küsten der Nord- und Ostsee beobachtet werden. Aber auch Sommerbeobachtungen (z.B. Mai / Juni Ostseeküste) sind möglich. Allerdings verringerte sich die Anzahl der überwinternden Schneeammern in den letzten Jahren, so z.B. in Schleswig-Holstein. Dies wird mit der Erweiterung des Überwinterungsgebietes der Schneeammern nach Norden in Zusammenhang gebracht. Man schätzt aber, dass an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste jeden Winter ca. 1.000 Schneeammern überwintern und in strengen Wintern sogar zwischen 4. und 5.000 Vögel.


© Dirk Schäffer, Vogelschutz-online e.V., 11 / 2005  www.vogelarten.de

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