Mauersegler (Apus apus)
Common Swift
Ordnung: Segler
(Apodiformes)
Familie: Eigentliche Segler
(Apodidae)
Der Mauersegler ist ein typischer Kulturfolger, der die Bauwerke des Menschen
zum Nisten nutzt. Deshalb sieht und hört man ihn vor allem über Städten
und größeren Dörfern.
Mauersegler werden trotz ihres rasanten Fluges und ihrer größeren Flugsilhouette
oft mit den Schwalben verwechselt. Darauf deutet auch ihr volkstümlicher
Name „Turmschwalbe“ hin. Mauersegler sind aber weder mit der Familie der
Schwalben verwandt noch zählen sie zu der Ordnung der Singvögel. Wie ihr
Name sagt, gehören Mauersegler in die Familie der Eigentlichen Segler,
die wiederum zu einer eigenen, tropischen Ordnung den Seglern gehört.
Am nächsten verwandt sind sie mit der Familie der Baumsegler und den Kolibris.
Wobei letztere oft als eigene Ordnung in der Systematik geführt werden.
Da Mauersegler den größten Teil ihres Lebens fliegend verbringen, glaubte
man in der Antike, dass die Vögel keine Füße hätten. Carl von Linné konservierte
diese Vorstellung und benannte den Mauersegler in der wissenschaftlichen
Nomenklatur Apus apus - den Fußlosen. Echte Verwandte des Mauerseglers
sind der in Deutschland seltene und in einigen kleinen Kolonien brütende
- aber größere und hellere - Alpensegler Apus melba sowie der ausnahmsweise
auftauchende Fahlsegler Apus pallidus.
Vorkommen
Der Mauersegler ist in Europa und auch in Mitteleuropa unregelmäßig anzutreffen
und konzentriert sich besonders häufig in größeren Siedlungen und in Ballungsräumen.
Die Art kommt von den britischen Inseln bis zur europäischen bzw. nordwestafrikanischen
Atlantikküste vor. Im Norden stellenweise bis Lappland und an den Baikalsee.
In einigen Teilen des Balkans fehlt die Art völlig und in anderen Gebieten
existieren nur spärliche Vorkommen (z.B. Teile Dänemarks, fehlt weitgehend
in Ungarn). Auf den größeren Nordseeinseln brüten Mauersegler nur ausnahmsweise.
In den Mittelgebirgen (z.B. Harz) endet das Brutvorkommen - bedingt durch
das Fehlen von Ortschaften - bereits zwischen 600 bis 700 m Höhe.
Durch die Vergrößerung der städtischen Ballungsräume kam es zum Anwachsen
einiger Bestände. Andererseits sinken in einigen Stadtzentren die Bestände.
Als Biotope werden in Großstädten hohe Steinbauten bevorzugt, so z.B.
die Stadtzentren (Hochhäuser), historische Bauten (Wasser- und Kirchtürme),
Industrie- und Hafenanlagen. In Kleinstädten werden dagegen bevorzugt
Burgen und Kirchen genutzt.
Seltener werden natürliche Felswände (z.B. Kreideküste von Rügen, Steinbrüche
in Thüringen) als Biotope ausgewählt. Im nordöstlichen Harz gibt es eine
Population von Baumhöhlenbrütern mit ca. 400 bis 500 Brutpaaren. In früheren
Jahren waren mehrere kleinere Baumbrüterkolonien in Deutschland bekannt.
Alle verschwanden im Zuge von forstwirtschaftlichen Maßnahmen.
Wanderungen
Mauersegler verbringen nahezu ihr gesamtes Leben in der Luft. Sie schlafen
sogar im Fliegen. An dieses Leben im Luftraum sind die Zugvögel perfekt
angepasst. Sie sind Langstreckenflieger, die in Äquatorial- und Südafrika
überwintern und nur für sehr kurze Zeit nach Deutschland zum Brüten zurückkommen.
Dabei folgen sie in der Luft stets den günstigsten Witterungs- und Nahrungsverhältnissen
und können erstaunliche Flugleistungen vollbringen. So wurden 1.410 km
in 4 Tagen nachgewiesen. Im Winterquartier streifen sie weit umher und
bleiben wahrscheinlich ständig in der Luft.
Der Abflug in die Winterquartiere beginnt in Mitteleuropa bereits Mitte
Juli / Anfang August. Erfolglose Brutvögel, Einjährige, Jungvögel und
verpaarte Männchen wandern als Erste ab. Einzelne Weibchen (durch Anlegen
von Fettreserven nach der Brut), Spätbrüter und Jungvögel verzögern den
Wegzug allerdings bis Ende Oktober / Anfang November. Auch Beobachtungen
Ende November / Anfang Dezember sind bekannt.
Im Frühjahr kehren die ersten Vögel pünktlich Ende April bzw. um den ersten
Mai herum zurück und besetzen sofort - ohne zu zögern - ihre angestammte
Nisthöhle. Die Jungen bleiben ihrem Geburtsort ebenfalls treu.
Wenn wegen Regen oder Kälte das Futter um den Brutplatz knapp wird, weichen
die Mauersegler in Schönwettergebiete aus, die mehrere hundert Kilometer
entfernt sein können. Viele Segler flüchten vor ungünstiger Witterung
aber auch und legen auf dieser sogenannten Wetterflucht Tausende von Kilometern
zurück. Dabei können die Vögel in Gebieten erscheinen, wo sie sonst nicht
vorkommen.
Auf ihren Wanderungen werden einige Mauersegler weit in den Norden verschlagen.
So wurden einzelne Exemplare auf Island, bei Spitzbergen und Nowaja-Semlja,
bei Murmansk sowie in Nordsibirien gesichtet.
Aussehen
Ausgewachsene Mauersegler können bis zu 17 cm lang werden und sind damit
größer als europäische Schwalben. Sie haben eine Flügelspannweite von
42 - 48 cm und ein Durchschnittsgewicht von 43 g. Im Flug wirkt der Mauernsegler
einfarbig dunkel. Die Flügel sind lang und sichelförmig, der kurze Schwanz
ist gegabelt.
Bei den Mauerseglern sind beide Geschlechter gleich ruß- bis bräunlichschwarz
gefärbt. Von dieser Grundfarbe hebt sich nur die grauweiße Kehle des flachen
Kopfes ab.
Der kurze, breite Schnabel und die kräftigen Klammerfüße, der kurzen Beine
sind schwarz. Die Altvögel können zwar sehr gut klettern und an Zweigen
und Stangen hängen, aber nicht auf ihnen sitzen, da alle vier Zehen sind
nach vorne gerichtet sind. Wenn eine freie Strecke von 10 bis 12 m vorhanden
ist, starten gesunde Vögel mühelos auch vom Boden, indem sie sich mit
den Füßen abstoßen. Bei gutem Wetter können sie Flughöhen von bis zu 3.600
m erreichen.
Zur Brutzeit sind Mauersegler sehr gut und vor allem weit zu hören, besonders
wenn sie in Trupps in rasantem Flug haarscharf um die Häuser fliegen.
Ihre Rufe sind meistens ein lautes „sirr“ oder „srih“, die oft als Wechselrufe
bzw. im Duett zu hören sind.
Mauersegler sind erstaunlich langlebig: Der älteste Ringvogel, der bereits
ausgewachsen gefangen wurde, zählte 21 Jahre.
Nahrung
Die Nahrung der Mauersegler besteht ausschließlich aus Fluginsekten und
an Fäden schwebenden Spinnen. Bisher wurden in Europa über 500 verschiedene
Arten nachgewiesen, die als Beute dienen. Hauptsächlich werden Blattläuse,
geflügelte Ameisen, Zikaden, Käfer und Hautflügler im Flug erbeutet. In
Afrika werden schwärmende Termiten bevorzugt.
Die übliche Flughöhe zur Jagd beträgt 6 bis 50 m, aber auch bis 300 m
sind möglich. Bei schlechtem Wetter fliegen die Vögel - ähnlich wie Schwalben
- in 30 bis 50 cm Abstand dicht über der Vegetation, über Wiesen, Felder,
Wasserflächen und Dächer.
Gern nutzen die Vögel heranziehende Gewitterfronten zur Nahrungsaufnahme,
die sie dafür auch gezielt aufsuchen. Offensichtlich werden bei diesen
Wetterlagen eine Vielzahl von Insekten durch starke Winde aufgewirbelt.
Getrunken wird im Gleitflug, indem sie ihren Schnabel blitzschnell ins
Wasser eintauchen.
Brutbiologie
Die bevorzugten Nistplätze von Mauerseglern liegen meist sehr hoch verborgen
unter den Simsen und Dachsparren, in Mauerlöchern, in undichten Jalousiekästen
mehrgeschossiger älterer Gebäude. Sie brüten dort gern in Kolonien, in
denen sich die Neststellen oft dicht nebeneinander befinden. Dabei verteidigt
allerdings jedes Paar - oft sehr aggressiv - eine abgeschlossene Nisthöhle
mit eigenem Zugang, die über viele Jahre immer wieder benutzt wird. Bei
Nistplatzmangel sind auch Bruten in den Nestern der Mehlschwalbe an Gebäuden
sowie in Brutröhren der Uferschwalbe in Steilhängen möglich.
Baumbrüter nutzen Spalten in den Bäumen sowie die alten Höhlen von Schwarz-,
Bunt- und Grünspechten. In Deutschland werden als Brutbäume vornehmlich
Eichen genutzt.
Die Partner treffen meist im Abstand von 10 oder mehr Tagen an der Nisthöhle
ein. Die Partner wechseln innerhalb der Brutsaison nur beim Tod von einem
der beiden Vögel. Eine Neuverpaarung erfolgt dann recht schnell (bereits
nach ein bis zwei Tagen möglich). Nur wenige Altvögel, die im Besitz einer
Nisthöhle sind, bleiben während der Saison ohne Partner.
Die Balz findet im Flug statt und beginnt bereits im November im Winterquartier.
Dabei wechseln sich Flugjagden und Gleitflüge miteinander ab. Auch die
Kopulation erfolgt während des Fliegens. Bereits einen Tag nach der Paarung
beginnen beide Vögel mit dem Nestbau. Das Nest wird, möglichst weit vom
Eingang der Nisthöhle entfernt, angelegt. Es besteht aus leichten, schwebenden
Materialien: Federn, trockenen Halmen, Blättern, Samen, Fasern, Haaren
oder Papierfetzchen. Das Material wird im Fluge mit dem Schnabel erhascht
und mit Speichel zu einer zähen Masse verklebt, die schnell härtet. Das
Nest wird für viele aufeinanderfolgende Bruten neu eingespeichelt und
benutzt.
In der Mitte des Nestkranzes bleibt oft der nackte Boden sichtbar. Dort
entsteht die Nestmulde durch Scharren und Körperdrehen im Untergrund.
Ein Mauerseglernest hat im Durchmesser etwa 10 cm und ist 2 cm hoch. Wenn
vorhanden, werden auch die Nestunterlagen von anderen Arten (Haussperling,
Hausrotschwanz, Bachstelze) annektiert und überbaut.
Mauersegler haben normalerweise eine Jahresbrut mit zwei, maximal vier
weißen und glanzlosen Eiern. Geht das Gelege durch Schlechtwetter oder
andere Einflüsse verloren, kann ein Ersatzgelege vorkommen. Männchen und
Weibchen bebrüten die Eier abwechselnd während der 18 bis 20 Tage dauernden
Brutzeit, die sich bei kaltem Wetter verlängern kann. Nach dem Schlupf
der Jungen werden diese 2 bis 7 Tage gehudert. Ab dem 6. bis 13. Tag öffnen
sich die Augen der Nestlinge, die von beiden Altvögeln gefüttert werden.
Ab dem 10. Tag fangen die Jungen an, im Nestbereich umherzuklettern.
Ein- bis zweimal pro Stunde bringen die Altvögel Futterballen ans Nest,
die im Kehlsack aus der gesammelten Nahrung (ca. 90 bis 800 Insekten,
je nach Größe der Arten) entstehen. Die Tagesleistung eines Brutpaares
kann dabei über 20.000 Insekten betragen, die zusammen ca. 50 g Gewicht
entsprechen. Bei Wärme und Sonnenschein wird das Wachstum der Jungvögel
gefördert, die dann täglich bis zu 7,8 g zunehmen können. Regen und Kälte
(Nahrungsmangel) hemmen diesen Prozess allerdings deutlich. Dabei kann
sich das Gewicht der Jungvögel in 24 Stunden um 6,6 g reduzieren.
Junge Mauersegler unterscheiden sich im Gefieder von den Altvögeln durch
eine deutlich ausgeprägtere weiße Kehle und Stirn sowie durch weiße Säume
an den Spitzen des Großgefieders (besonders an den Flügelfedern).
Das Wohlbefinden und die Gesundheit der jungen Segler können durch Parasiten
(z.B. Seglerlausfliege Crataerina pallida) erheblich beeinträchtigt
werden. Diese saugen das Blut der Jungvögel. Bereits andererseits - z.B.
durch Hunger - geschwächte Jungtiere können bei starkem Befall verenden.
Das gründliche Säubern der Nisthilfen und Brutplätze im Herbst z.B. mit
kochendem Wasser (kein Einsatz von chemischen Mitteln) kann den Parasitenbefall
im nächsten Jahr stark einschränken. Stellenweise fallen die Jungen auch
anderen Räubern (Ratten, Wiesel, Steinmarder, Schleiereule, Katzen) zum
Opfer. Viele verunglücken auch durch Abstürze aus der Nisthöhle, weil
sie sich bei der Fütterung zu weit hervorwagen oder sich bei großer Hitze
abkühlen wollen und dann in der Nisthöhle umherkrabbeln.
Nach 37,5 bis 56,5 Tagen Nestlingszeit (abhängig vom Wetter) fliegen die
Jungen aus. Davor nehmen sie oft keine Nahrung von den Eltern mehr an,
um durch hungern das optimale Fluggewicht zu erreichen. Ohne zu üben,
sind sie von Anfang an perfekte Flieger und völlig selbständig.
Torpidität
Die enorme Spezialisierung der Mauersegler kann auch gefährlich für die
Vögel werden. Nämlich dann, wenn anhaltendes nasskaltes und windiges Wetter
auftritt, dass die Insekten am Fliegen hindert. Das fehlende Futter kann
so zu erheblichen Verlusten unter den Seglern und ihrer Brut führen. Um
diese Gefahren zumindest teilweise auszugleichen, haben sich die Vögel
(z.B. auch Kolibris) physiologisch - durch eine winterschlafartige Erscheinung,
die Torpidität (lat. torpidus = betäubt) - angepasst. Es ist ein Starrezustand,
der nachts durch Kälte und Nahrungsmangel ausgelöst werden kann. Die Nestlinge
des Mauerseglers können bei längerem Ausbleiben der Altvögel und dadurch
auftretenden Futtermangel ebenfalls in diesen Zustand verfallen. Die Jungvögel
können dann ihre Atemfrequenz und ihre Körpertemperatur auf ein Minimum
(1 - 5°C über der Umgebungstemperatur) senken. Am Morgen oder bei Erwärmung
der Umgebung steigt die Körpertemperatur wieder auf 37°C (normal bis 39°C)
an. Um ihre zum Überleben unbedingt notwendige unterste Körpertemperatur
(20°C) während der Starre aufrecht zu erhalten, verbrennen sie Körperfett
und Muskelmasse. Mit zunehmender Dauer der Kälteperiode wächst die tägliche
Länge des Starrezustandes. Hält der Zustand an (höchstens ein bis zwei
Wochen) und das Körpergewicht der Jungvögel sinkt unter 20 g, dann kommt
meist jede Wetterbesserung und Fütterung durch die Altvögel zu spät.
Altvögel können auf diese Weise höchstens 3 bis 4 Tage Kältestarre ertragen.
Dabei darf die kritische Körpertemperatur von 36°C nicht unterschritten
werden.
Bestand
In Deutschland brüten ca. 450.000 bis 900.000 Mauerseglerpaare, davon
ca. 110.000 in Ostdeutschland. Aufgrund der hohen Lebenserwartung beeinflussen
Jahre ohne Nachwuchs den Bestand kaum, wohl aber das wetterbedingte Massensterben
von Altvögeln.
Bei der Renovierung bzw. Sanierung von Gebäuden und bei Dacharbeiten wird
immer seltener auf die Mauersegler Rücksicht genommen. Dabei werden die
Nistplätze ganzer Kolonien vernichtet, ohne dafür Ersatz zu schaffen.
Stellenweise werden sogar brütende Vögel oder ihre Jungen eingemauert.
Da Mauersegler an einmal gewählten Nistplätzen festhalten und ungern neue
Plätze wählen, wird es für sie zunehmend schwieriger erfolgreich zu brüten.
Wahrscheinlich müssen sie deshalb immer mehr mit weniger optimalen Brutplätzen
Vorlieb nehmen müssen. Dabei kommt es durch Unfälle und Witterungseinflüsse
zu Brutausfällen. Die zunehmende Anzahl verletzt oder verlassen aufgefundener
Jungvögel scheint eine Folge dieser Entwicklung zu sein.
Eine weitere - zunehmende - Gefahr stellen vor allem in Süddeutschland
senkrechte Stabantennen von Autos dar, die von den Vögeln offenbar bei
der Jagd übersehen. Kollisionen treten auch während des Zuges mit Leuchttürmen,
Flugzeugen und Leitungsdrähten auf.
Auch bei Kälteperioden werden Mauersegler und auch Schwalben oft Opfer
des Straßenverkehrs. Denn dann sind sie häufig dicht über den noch warmen
Fahrbahnen auf Futtersuche, da sich dort noch Insekten aufhalten.
Auch während der Suche nach geeigneten Nistplätzen können Mauersegler
tödlich verunglücken. Fliegen die Vögel in Öffnungen von Bauwerken oder
Gebäuden und verirren sich in den dahinterliegenden Hohlräumen, ohne den
Ausgang zu finden, gehen sie zugrunde. |
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