Schwarzstirnwürger (Lanius minor)
Lesser Grey Shrike
Ordnung:
Sperlingsvögel
(Passeriformes)
Familie: Würger
Unterfamilie: Eigentliche Würger
(Laniinae)
In Deutschland ist der Schwarzstirnwürger als Brutvogel der offenen Landschaften
Ende der 70er Jahre ausgestorben. Die letzten Nachweise von Einzelbruten
stammen aus den Jahren 1984 und 1987. Die Ausbreitung des Schwarzstirnwürgers
erfolgte in historischer Zeit immer in Perioden mit aufeinanderfolgenden
trockenen und warmen Sommern. Das trockene und warme Klima hat einen deutlichen
Einfluss auf das Nahrungsangebot des Schwarzstirnwürgers und damit den
Bruterfolg. In Zeiten mit weniger optimalen Sommern wurden die vormals
besiedelten Brutgebiete wieder aufgegeben, um später erneut besiedelt
zu werden. Dieser Prozess wurde Mitte des 20. Jh. durch die Intensivierung
der Landwirtschaft und den damit verbundenen Landschaftsveränderungen
bzw. den massivem Einsatz von Agrochemikalien unterbrochen. Dadurch gelingt
es dem Schwarzstirnwürger auch in klimatisch günstigen Perioden nicht
mehr, ehemals aufgegebene Brutgebiete zu besiedeln.
Vorkommen
Der Schwarzstirnwürger brütet in Süd- und Osteuropa. Im Osten endet das
geschlossene Verbreitungsgebiet im Uralvorland, wobei das Baltikum mittlerweile
nur sporadisch besiedelt wird. In den Ländern der nördlichen Balkanhalbinsel,
wie in Rumänien und Teilen Griechenlands, ist der Schwarzstirnwürger noch
ein häufiger Brutvogel. Im Westen brüten in Frankreich noch 25 Brutpaare.
In Italien ist der Bestand in den letzten Jahren stark zurückgegangen.
Restbestände siedeln in Österreich, Tschechien und der Slowakei.
In Sibirien östlich des Ural, im Iran und Mittelasien brütet eine geographische
Variation, die sich durch helleres Gefieder auszeichnet.
Der Schwarzstirnwürger ist ein baumbrütender Steppenvogel, der offene
Habitate mit Einzelbäumen bzw. Baumgruppen und Gebüschinseln bevorzugt.
Dabei werden auch Obstwiesen mit wenigen Bäumen, Viehweiden mit einzelnen
Schattenbäumen und extensiv bewirtschaftete Weinstöcke bzw. Obstbaumalleen,
die von Feldern umgeben sind, genutzt.
Der Mensch wird nach Möglichkeit gemieden. Es werden aber auch Bruten
in unmittelbarer Nähe des Menschen beobachtet, bei denen die Vögel sehr
vertraut sind.
Wanderungen
Der Schwarzstirnwürger ist ein Fernzieher, der in den trockenen Dornbuschsteppen
und Akaziensavannen Südwestafrikas überwintert. Die meisten von ihnen
konzentrieren sich dabei in Botswana und Namibia, nur wenige ziehen weiter
bis in die Kapprovinzen. Dieses Gebiet wird von der Masse der Vögel aus
dem gesamten Verbreitungsgebiet genutzt. Europäische Vogel fliegen dabei
über das östliche Mittelmeer bis Zypern, überfliegen die östliche Sahara
und folgen dann dem ostafrikanischem Graben. Möglicherweise werden für
den Frühjahrs- bzw. Herbstzug unterschiedliche Routen benutzt. Der Wegzug
beginnt in Mitteleuropa Ende August und endet Mitte September. Ende April
/ Anfang Mai treffen die Vögel dann wieder in ihren Brutgebieten ein.
Aussehen
Der Schwarzstirnwürger ist viel größer als ein Sperling, aber nur unwesentlich
kleiner als der ihm optisch sehr ähnliche Raubwürger.
Insgesamt ist der Schwarzstirnwürger - ähnlich wie der Raubwürger - mit
grauer Oberseite, schwarzen Flügeln und Schwanz gezeichnet.
Markante Unterscheidungsmerkmale zum Raubwürger sind: 1. Der Schwarz ist
kürzer und breiter weiß abgesetzt.
2. Die zusammengelegten Flügel reichen über die Schwanzwurzel hinaus.
3. Die Gesichtsmaske ist beim Schwarzstirnwürger breit schwarz und nicht
- wie beim Raubwürger - durch einen schmalen weißen Streifen von der grauen
Kopfoberseite abgesetzt. Die weiße Unterseite ist beim Schwarzstirnwürger
rosa überhaucht und er zeichnet sich durch einen großen weißen Flügelfleck
(Basen der Handschwingen) aus.
Das breite schwarze Stirnband des Schwarzstirnwürgers ist bei den Weibchen
der Art schmaler und blasser ausgeprägt. Die Jungvögel wirken insgesamt
mehr bräunlichgelb und dunklere Gefiederpartien sind dunkelbraun statt
schwarz. Die namensgebende schwarze Stirn ist bei den Jungvögeln noch
deutlich schmaler als bei den Altvögeln und reicht nicht bis auf die Stirn.
Der Gesang ist leise schwätzend und besteht aus rauhen aber wohlklingenden
Lauten. Die Rufreihen werden schäckernd oder schilpend vorgetragen. Es
können auch Imitationen anderer Arten auftreten. Wobei Hänflings-, Finken-,
Lerchen- und Rauchschwalbenstrophen vorkommen können. Aber auch Rufe von
Wachtel, Fasan und Rebhuhn sowie die von Limikolen werden täuschend ähnlich
nachgeahmt.
Nahrung
Der Schwarzstirnwürger bevorzugt die Ansitzjagd von 3 bis 5 m hohen Sitzwarten
aus. Das können Pfähle, dürre Bäumchen, Drahtleitungen, hohe Stauden oder
auch Steine sein. Auf Flächen ohne geeignete Warten, wendet er auch den
turmfalkenähnlichen Rüttelflug an, um das Gelände zu kontrollieren. Besonders
bei schönem Wetter macht er Jagd auf fliegende Beute und zwar besonders
auf größere Insekten wie Hummeln, Mai-, Rosen- und Mistkäfer. Bei windigem
und regnerischen Wetter weicht er auf die Jagd zu Fuß aus. Dabei untersucht
er, hüpfend und kurzzeitig flatternd, den Boden zwischen den Pflanzen.
Der Schwarzstirnwürger erbeutet im Gegensatz zu seinen Verwandten fast
ausschließlich Insekten. Bevorzugt werden dabei Lauf-, Blatt-, Rüssel-
und Aaskäfer. Selten werden Kleinnager wie z.B. Feld- und Wühlmäuse erjagt.
Die meisten Beutetiere werden ganz verschluckt. Allerdings werden schlecht
schmeckende - wie Kartoffelkäfer oder Großschmetterlinge - zerbissen und
nur der Abdomen wird gefressen. Giftdrüsen und Warnfarben von Insekten
schrecken Schwarzstirnwürger nicht ab. Oft bilden solche Insekten einen
nicht unbeträchtlichen Anteil an der Nahrung. Unverdauliche Nahrungsreste
werden als Gewölle wieder ausgewürgt. Das Aufspießen der Nahrung, wie
bei anderen Würgern üblich, wird beim Schwarzstirnwürger nur selten beobachtet.
Brutbiologie
Beide Partner suchen kurz nach der Ankunft im Brutgebiet einen geeigneten
Nistplatz aus. Das Nest wird immer auf Bäumen in 4 bis 12 m Höhe errichtet.
Pappeln und Obstbäume werden dabei oft bevorzugt. Der Nestbau kann bis
zu 6 Tage dauern und wird von beiden Geschlechtern durchgeführt, wobei
der Anteil des Männchens überwiegt. Als Nistmaterial verbaut der Würger
vorzugsweise frische Sprosse von Stauden und Kräutern sowie blühende Zweige.
Dabei werden weiß behaarte, aromatisch duftende Pflanzen bevorzugt, deren
Blüten nach außen schauen. So werden z.B. Klatsch- und Saatmohn eingebaut.
Trockene Halme, Zweige und Stengel werden nur in wenigen Stücken verwendet.
Für die Nestmulde werden überwiegend Federn, Schafwolle, Tierhaare, Schnur
bzw. Papierstückchen und kleine Stücke von anderen Pflanzen verwendet.
Das anfangs hellgrüne Nest nimmt nach dem Abwelken und Trocknen des frischen
Baumaterials eine weiße bis graue Farbe an. Das Weibchen legt 5 bis 7
hellgrüne bis blaßgrüne Eier, die meist am stumpfen Pol mit großen, unregelmäßigen
hell- bis dunkelbraunen Flecken bzw. auch kleinen Punkten gezeichnet sind.
In der Regel findet nur eine Jahresbrut statt. Bei Gelegeverlust ist ein
Nachgelege möglich. Das Weibchen brütet etwa 16 Tage und beginnt damit
beim 4. bzw. 5. Ei. Das Schlüpfen der Jungen kann sich deshalb bis zu
40 h hinziehen. Die Nestlingszeit beträgt 14 Tage. Die Jungen sind nach
dem Ausfliegen aber noch mindestens weitere 14 Tage von ihren Eltern abhängig.
Der größte Teil der Brutverluste ist auf nasskaltes Sommerwetter zurückzuführen.
Bestand
Vom Übergang des 18. zum 19. Jh. war der Schwarzstirnwürger in Mitteleuropa
noch ein sehr verbreiteter und stellenweise auch häufiger Brutvogel. Brütete
der Schwarzstirnwürger gegen Ende des 19. Jh. allerdings noch fast bis
zur Ostseeküste und bis zur Mitte des 20. Jh. noch bis Schlesien, dem
Harzvorland bzw. bis zur Schweiz, so ist er gegenwärtig in Mitteleuropa
nur noch vereinzelt anzutreffen. Mittlerweile brütet er noch in der Ungarischen
Tiefebene und weist hier seit Ende der 80iger Jahre an einigen Stellen
erfreuliche Zunahmen auf. In Polen werden derzeitig die letzten Brutplätze
verlassen, in Tschechien ist er nur noch unregelmäßig anzutreffen und
in der Slowakei blieb nur ein kleiner Restbestand übrig. Auch in Österreich
brüten nur noch wenige Brutpaare.
Die Ursachen dieser Entwicklung begründen sich einerseits auf die deutliche
Abhängigkeit der Art von Perioden mit aufeinanderfolgenden trockenen bzw.
warmen Sommern – in denen die Erweiterungen des Brutareals erfolgen –
aber andererseits liegt die Hauptursache in den großräumigen landschaftlichen
Veränderungen. So brachen in historischer Zeit des öfteren (z.B. im ersten
Viertel des 20. Jh.) infolge nasskalter Sommer die Bestände zusammen.
Allerdings folgten dem auch wieder Phasen der Arealerweiterung, wie z.B.
von 1945 bis 1960. Inwieweit der Schwarzstirnwürger in der Lage ist, die
derzeitig günstige klimatische Situation zu nutzen, um von Pannonien aus
möglicherweise angestammte Brutgebiete zurückzuerobern, bleibt abzuwarten.
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Verbreitungsgebiet des Schwarzstirnwürgers
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