Schleiereule (Tytos alba)

Common Barn-Owl

Ordnung: Eulenvögel (Strigiformes)
Familie: Schleiereulen (Tytonidae)

Die Schleiereulen sind eine kosmopolitische Vogelfamilie. Man ordnet ihnen 12 Arten in 2 Gattungen Tyto und Phodilus mit nur 2 Arten zu.

Die Schleiereule (tyto alba = weiße Eule) ist ein weit verbreiteter Nachtvogel, der aber trotzdem in Deutschland in seinem Bestand gefährdet ist. Das liegt daran, daß sie sich als typischer Kulturfolger sowohl durch Brutstandort als auch Ernährung an menschliche Siedlungen angepaßt hat, was ihr nun - aufgrund der rasanten landschaftlichen Veränderungen - zum Verhängnis wird. Als Standvogel und überwiegender Mäusejäger hängt die Größe des Schleiereulenbestandes von der Stärke des Winters und dem dann vorhandenen Nahrungsangebot ab.
Vorkommen

Die Schleiereule ist in Amerika von British Columbia, über fast die gesamte USA, in Mittel- und Südamerika bis nach Feuerland und den Falklands verbreitet. Auf den Galapagos-Inseln lebt eine besondere Unterart. In Asien werden die Arabische Halbinsel, Indien, Südostasien und Indonesien besiedelt. In Afrika fehlt die Art nur in den tropischen Regenwäldern bzw. in den Wüsten und Halbwüsten.
Die Art ist in fast ganz Mitteleuropa bis 600 m NN verbreitet. Schleiereulen gibt es auch in Australien, aber nicht in Neuseeland.
Die Schleiereule ist in allen Landschaften Deutschlands – mit Ausnahme des Bayrischen Waldes, des südlichen Alpenvorlandes und des Schwarzwaldes – verbreitet. Die Verbreitung der Eule wird weitestgehend durch Klima und Vegetation bestimmt. In Gebieten, in denen die Winter regelmäßig geschlossene Schneedecken aufweisen, können sich die Eulen nicht ansiedeln. Auch geschlossene Waldländer werden von ihnen gemieden.

Aussehen

Die 0,34 m langen und 350 g schweren, langbeinigen Schleiereulen haben eine Flügelspannweite von 0,90 m. Ihre Unterseite ist weiß bzw. hellgelb gefärbt und die Oberseite des Gefieders ist orange- bis rotbraun. Diese ist grau bzw. weiß gefleckt. Der helle, herzförmige Gesichtsschleier umrahmt die schwarzen Augen. Deshalb hieß sie früher auch „Herzeule". Schleiereulen haben keine Federohren. Ihr gelblich-grauweiß gefärbter Schnabel wird von den Gesichtsfedern fast verdeckt.
Schleiereulen erkennt man auch an ihren typischen Lautäußerungen, einem eigentümlichen „Schnarchen".
Überlebt eine Schleiereule alle strengen Winter, kann sie ein Alter von bis zu 20 Jahren erreichen. Der älteste Ringvogel war 21 Jahre und 11 Monate alt.
Der Supersinn der Eulen: Abgesehen davon, daß die Sehschärfe des Eulenauges die des Menschen bei weitem übertrifft, ist die Nacht ihr bevorzugte Medium. Sie kann bei geringen Lichtmengen auf Sichtjagd gehen, oder aber ihre Beute nur nach dem Gehör orten. Dabei wirkt ihr namensgebender Gesichtsschleier wie ein Schalltrichter mit dessen Hilfe sie regelrecht „Richtungshören" kann. Sogar mit Hilfe des Krümmungsradius dieses „Hohlgesichtes" kann die Entfernung der Beute – ähnlich wie die Krümmung einer Augenlinse – scharf gestellt werden. Auch die unterschiedliche Höhe der Ohren hilft bei der Ortung. So können die Schallwellen mit einem winzigen Zeitunterschied eintreffen.
Rupft man allerdings die Gesichtsfedern der Eule aus, greift sie beim Beuteanflug stets daneben.
Zudem ermöglicht das superweiche Gefieder den Eulen einen fast geräuschlosen Flug.
Das Phänomen der Irrlichter (BBC Wildlife 08/1995):
Es ist bekannt, dass in Großbritannien Schleiereulen öfters „geisterhaft glühen". Diese Irrlichter sorgten schon oft für Verwirrung bei den Beobachtern dieser Erscheinung. Jetzt konnte geklärt werden, dass es sich um das Mycelium des Pilzes Armillaria mellea handelt. Dieses gibt Licht ab. Die Eulen fressen diesen Pilz von verrottenden Bäumen ab.

Nahrung

Das Schicksal der Schleiereule ist eng mit dem ihrer Hauptbeute, den Kleinsäugern und allen voran mit der Feldmaus (Microtus agrestis) verknüpft. Neben Mäusen (Hasel-, Erd-, Wald-, Scher- und Zwergmaus) und Ratten werden aber auch Spitzmäuse (Wald-, Feld- und Haus-), Maulwürfe, Frösche, Vögel sowie Insekten während der nächtlichen Beutezüge ergriffen. Die Beutetiere haben dabei ein bevorzugtes Gewicht von 5 bis 30 g, wobei die Höchstgrenze zum Tragen bei 200 g liegt. Der Nahrungsbedarf liegt bei 70 bis 104 g, wobei 10 % als unverdauliche Reste in Form von Gewöllen ausgeschieden werden. Im Gegensatz zu anderen Eulenarten würgen die Schleiereulen ihre Gewölle einmal am Tag an bestimmten Plätzen aus, die geschützt und trocken sein müssen (z. B. auf Dachböden, Baumspalten usw.). Die Gewölle unterscheiden sich ebenfalls von denen der anderen Eulen. Sie sind glänzend schwarz, wurstförmig, an beiden Enden abgerundet und von der Größe eines Männerdaumens (2,2 bis 8,0 cm). Nach einigen Tagen werden die Gewölle dann matt schwarz. Die Größe der Gewölle richtet sich aber stark nach der Konstitution des jeweiligen Vogels.
Schleiereulen kehren regelmäßig im Winter an Orte zurück, in denen sie auch bei strenger Kälte Mäuse erbeuten können. So gab es bereits Experimente, bei denen die Eulen mit weißen Mäusen über den ganzen Winter gefüttert wurden. Die Eulen können im Winter nur bei bis zu 8 cm Schneedeckenstärke die darunter befindlichen Mäuse hören.

Brutbiologie
Schleiereulen nisten in alten Bauernhäusern, Taubenschlägen, Scheunen, Kirchtürme, Dachgeschosse alter Schlösser oder Burgen, Ruinen und auch in Baumhöhlen. Auch Nistkästen werden in Gebäuden sehr gern angenommen. Bereits ab Ende Februar / Anfang März beginnt die Brut, nachdem das Weibchen den Nistplatz ausgewählt hat. Alle 1 bis 2 Tage legt das Weibchen ein Ei, beginnt aber bereits nach dem 1. Ei mit dem Brüten. Es brütet die 4 bis 8 weißen Eier (manchmal sogar 15!) allein in 32 bis 34 Tagen aus. Als Nestunterlage dient dafür oft nur eine Schicht von zerbissenen Gewöllen. Während dieser Zeit wird das Weibchen vom Männchen mit Nahrung versorgt. In Jahren mit schlechtem Mäuseangebot wird entweder gar nicht gebrütet, oder die Eierzahl ist sehr gering. Reicht während der Brutzeit für das Weibchen die Menge von 2 bis 4 Mäusen pro Nacht aus, so muß das Männchen nach dem Schlupf der Jungen bis zu 20 Mäuse in der Nacht erbeuten. Das Weibchen muß in dieser Zeit die nackten Jungen wärmen und ist an das Nest gebunden. Wenn die Jungen im Alter von 15 Tagen bereits kleine Beute ganz verschlucken können, geht auch das Weibchen auf Jagd. Die Jungen werden dann bis zum Alter von 70 Tagen gefüttert, bis sie flügge werden. Danach halten sie sich noch einige Zeit im Revier der Eltern auf, bis sie vertrieben werden. In Mäusejahren findet ab Ende Mai eine zweite Brut statt. Dann können auch sogenannte Schachtelbruten auftreten, bei denen das Männchen noch die Jungen füttert und das Weibchen bereits die Eier der 3. Brut ausbrütet.

Bestand

Eine bundesweite Bestandsschätzung zeigte für 1985 schätzungsweise 13.000 BP. Damit gilt die Art generell als potentiell gefährdet. Diesen Tatbestand hat überwiegend der Mensch mit seinen rigorosen Landschaftsveränderungen zu verantworten. Auch der menschliche Aberglaube hat bis vor gar nicht langer Zeit dazu geführt, daß auch Schleiereulen als Totenvögel verschrien waren. Sie wurden gefangen und an Kirch- und Scheunentore genagelt. Aktuelle Faktoren für die Gefährdung der Schleiereule:
- der Feind Nr. 1 der Schleiereule ist der Straßenverkehr (mit über 50 % der Verluste)
- die Vernichtung von Brutstandorten (vor allem im ländlichen Raum), dadurch finden die Vögel kaum noch eine Kirche oder Scheune mit entsprechendem Flugloch
- Zerstörung der Jagdbiotope durch intensive Landwirtschaft
- auch Stromleitungen, Zaundrähte und ähnliche Hindernisse führen immer wieder zu Opfern unter den Vögeln
- auch Vergiftungen durch Mäuse- und Rattengifte stellen eine Gefahr dar
- aber auch natürliche Faktoren wie z. B. strenge Winter und schlechte Mäusejahre, können zum Erlöschen ganzer Populationen führen
Allerdings wurde auch die Schleiereule einer Inselfauna zum Verhängnis. Um die Rattenplage auf den Seychellen einzudämmen, setzte man dort Schleiereulen aus. Diese Versuche waren zuerst nicht von Erfolg gekrönt. Dann gelang es den Eulen aber doch einen stabilen Bestand aufzubauen. Leider erbeuteten die Eulen nur wenige Ratten, dafür aber dezimierten sie den Bestand der Feen-Seeschwalben (Gygis alba). Die reinweißen Seeschwalben waren nachts leicht an ihren Ruheplätzen zu erkennen und wurden leichte Eulenbeute. Als diese Problematik erkannt wurde, war es für die Seeschwalben auf zwei Inseln schon zu spät, daran änderte auch die nun einsetzende erfolgreiche Dezimierung der Eulen nichts. Auch die ohnehin seltene Seychellen-Turteltaube wurde von der Schleiereule stark dezimiert.


 Verbreitungsgebiet der Schleiereule

 
Foto: K. Rönsch, Adlerwarte Berlebeck, 08/2002


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