Saatkrähe (Corvus frugilegus frugilegus)
Rook
Ordnung:
Sperlingsvögel
(Passeriformes)
Familie: Rabenvögel
(Corvidae)
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In jedem Herbst machen die Saatkrähen wieder von sich reden. In riesigen
Schwärmen fallen sie - oft vergesellschaftet mit Dohlen - in unser Land
ein. Der Uneingeweihte wundert sich und ist der Meinung, dass sich die
Krähen wieder stark vermehrt haben und denkt dabei an geplünderte Singvogelnester.
Doch tatsächlich sehen die Fakten anders aus.
Bei den Vogelscharen handelt es sich um Saatkrähen aus Skandinavien, Osteuropa
und dem Baltikum. Diese Vögel verlassen nach der Brutzeit ihre Brutgebiete
und kommen nach Mitteleuropa, um dem strengen Winter in ihrer Heimat zu
entfliehen. Die Saatkrähe plündert auch keine Singvogelnester. Dies macht
schon eher die mit ihr verwandte und oft mit ihr verwechselte Rabenkrähe.
Als ursprünglicher Vogel der Waldsteppen besiedelte die Saatkrähe die
durch den Menschen geschaffenen Agrarlandschaften und ist in Rußland weit
in die Taiga vorgedrungen.
Vorkommen
Die Saatkrähe ist weit verbreitet und bewohnt große Teile Europas. Ihr
Brutgebiet im Norden reicht bis England (ohne das schottische Hochland),
Südskandinavien bzw. Südfinnland und im Süden bis Norditalien sowie Nordgriechenland.
Die westliche Verbreitung endet in NW- Frankreich und NW-Spanien. In Rußland
endet das Verbreitungsgebiet in Mittelasien und SW-Sibirien. Weiter im
Osten (Jakutien, N- bzw. O-China) tritt die Form C. frugilegus pastinator
der Saatkrähe in mehreren isolierten Vorkommen auf. Zwischen 1869 und
1874 erfolgte die Einbürgerung in Neuseeland, die erfolgreich verlief.
Die Saatkrähe bevorzugt offene Agrarlandschaften mit Getreideäckern, Grünländern,
Baumgruppen und Feldgehölzen.
Wanderungen
Während die Saatkrähe in Osteuropa ein ausgesprochener Zugvogel ist, ist
sie in Mittel- und noch mehr in Westeuropa ein ausgesprochener Strich-
bzw. Standvogel. Ostdeutsche Brutvögel überwintern zu fast 50 % im Brutgebiet,
wandern aber auch bis nach Belgien, Dänemark, in die Niederlande und bis
nach England. Andere nestjung beringte Vögel wurden in SW-Frankreich und
am Atlantik wieder entdeckt.
Die Brutheimat der deutschen Wintergäste reicht von Polen und den baltischen
Staaten bis ins östliche Rußland. Der Wegzug beginnt im September und
verstärkt sich mit dem Zuzug im Oktober. In strengen Wintern verzögert
sich der Abzug bis Ende März.
Für polnische Saatkrähen wurden Tagesleistungen von 60 km ermittelt.
Über der Ostsee kann es bei Nebel zu starken Verlusten unter den desorientierten
Vögeln kommen.
Merkmale
Die Saatkrähe sieht der Rabenkrähe sehr ähnlich. Sie ist jedoch am weißlich-grauen,
unbefiederten Schnabelwurzel, der sich markant vom blauschwarz glänzenden
Gefieder absetzt und der steilen Stirn sehr gut zu unterscheiden. Der
gräuliche Schnabel wirkt lang und spitz mit gleichmäßiger Biegung. Die
Beine („Hosen") sind lockerer befiedert und wirken struppig. Insgesamt
wirkt die Saatkrähe im Gegensatz zur kräftigen Rabenkrähe weniger kompakt
und viel schlanker. Beide Geschlechter sind gleich gefärbt. Das Gefieder
der Jungvögel ist matter und rauchschwarz gefärbt. Der Schnabel ist schwärzlich
und die Wangenfärbung fehlt.
Das Flugbild der Saatkrähe zeichnet sich durch schmalere, längere Flügel
und einen etwas längeren, deutlich gerundeten Schwanz aus. Sie fliegt
eleganter mit elastischen Flügelschlägen und segelt öfter.
Die Stimme ist ein einzelnes heiseres Krächzen, das wie „ahg" oder „gahg"
klingt. Bereits im Winterhalbjahr kann man diese Rufe zweisilbig hören.
Das höchste Alter bei verschiedenen Ringvögeln lag zwischen 16 und 19
Jahren.
Nahrung
Der Name Saatkrähe ist irreführend. Die Hauptbestandteile ihrer Nahrung
sind Engerlinge (z.B. vom Maikäfer), Heuschrecken, Raupen, Würmer, Drahtwürmer,
Käfer, Schnecken und Wühlmäuse. Außerdem sind auch Abfälle, Aas, Obst,
Reste von Feldfrüchten und nur in geringem Maße Körner Nahrungsbestandteil.
Eine ergiebige Nahrungsquelle stellen Maulwurfshügel für die Krähen dar.
Durch die grabende Tätigkeit dieser Tiere werden Würmer, Engerlinge u.
a. Getier an die Oberfläche gebracht und dann von den Krähen erbeutet.
Mitunter werden unzureichend abgedeckte Mieten von den Vögeln entdeckt
und als Futterquelle genutzt. Auch aufgrund der Technik der Nahrungsaufnahme,
durch Stochern, Bohren und Wenden unterscheidet sich die Saatkrähe von
den anderen Rabenvögeln.
Vor allem, nachdem die Saatkrähen auch die Müllkippen als Plätze mit leicht
zu erlangender Nahrung kennenlernten, kommt es jeden Winter zu gewaltigen
Konzentrationen an Saatkrähen. Diese Schwärme nutzen auch jede Nacht,
wenn keine Störungen eintreten, die gleichen Schlafplätze, an denen es
zu ungeheuren Ansammlungen (bis zu 100.000 Vögel) kommen kann. Während
des Winters leert die Saatkrähe nicht geerntete Obstbäume, sammelt Nüsse
bzw. Körner und hat gelernt, Schulhöfe, Mülltonnen und Futterhäuser nach
Fressbarem zu durchsuchen. Neues Futter wird erst anderen Vögeln zur Probe
überlassen. Das Abjagen von Futter untereinander und bei anderen Vögeln
ist weit verbreitet.
Brutbiologie
Im Frühjahr ziehen die großen Schwärme wieder in ihre nördlichen Brutgebiete.
Nur wenige Paare bleiben dann bei uns und ziehen hier einmal im Jahr ihre
Jungen auf. Die Saatkrähe brütet in großen Kolonien in den hohen Bäumen
von Feldgehölzen, oft über 100 Paare zusammen, gern auch in der Nähe des
Menschen in den Städten. Bereits im Februar vollführen die Paare ihre
Balzflüge und -spiele. Das Nest wird von beiden Altvögeln auf den äußeren
Kronenzweigen von alten Laub- und Nadelbäumen - meist über 15 m Höhe -
zusammen errichtet, wobei das Männchen mehr das Nistmaterial heranschafft
und das Weibchen das eigentliche Nest errichtet. Für den Nestbau werden
alte Nester der Kolonie, Elsternester u. a. verwendet und abgetragen oder
es wird beim Nachbarn Nistmaterial gestohlen. Dürres Reisig wird aktiv
von Bäumen abgebrochen oder vom Boden aufgesammelt. Nester, die den Winter
überstanden haben, werden ausgebessert und oft über Jahre genutzt.
Die Brutzeit beginnt oft schon im März, meist aber im April. Die Bebrütung
setzt vor Vollendung des Geleges ein und beträgt 16 bis 19 Tage. In den
dicht beieinander stehenden Nestern werden 4 bis 5 , manchmal 3 bzw. 7
Eier gelegt. Es brüten nur die Weibchen auf den sehr variabel grünlich
gefärbten und braun gesprenkelten Eiern. Dabei werden sie von den Männchen
aus dem Kehlsack gefüttert. Es erfolgt nur eine Jahresbrut, nach deren
frühzeitigen Verlust Ersatzgelege möglich sind. Die Jungen werden von
beiden Elternteilen gefüttert, fliegen nach etwa 30 Tagen aus und werden
dann aber noch längere Zeit von den Altvögeln betreut. Obwohl das Nest
sehr sauber gehalten wird, ist die Sterblichkeit der Jungen sehr groß.
Die Ursachen sind überwiegend menschliche Störungen und das Fällen der
Horstbäume sowie Parasiten (Luftröhrenwurm), die durch Regenwürmer übertragen
werden. Viele Junge verhungern auch bei Mangel an Regenwürmern.
Verlassene Saatkrähennester werden gern von Turmfalken und Waldohreulen
als Brutstätten genutzt.
Vorteil Kolonie
Kolonie und Schwarmbildung sind charakteristische Merkmale, die zum natürlichen
Verhalten der Saatkrähe gehören.
Der Zusammenhalt der Saatkrähen und auch anderer Rabenvögel im Schwarm
bringt diesen viele Vorteile. Die einzelnen Krähen beobachten sich untereinander
sehr genau. Fliegt eine zum Erdboden, weil sie etwas Fressbares gefunden
hat, dann sehen das auch die anderen und folgen nach. Man vermutet, dass
auch an den Massenschlafplätzen Informationen über ergiebige Futterquellen
ausgetauscht werden. Denn gemeinsam sind die Krähen stärker gegen etwaige
Nahrungskonkurrenten wie Möwen und Greifvögel.
Die Brutkolonie selber dient den Vögeln als „Heiratsmarkt" und Treffpunkt
zum Informationsaustausch. Erfolgreiche Brutpaare werden beobachtet und
anhand ihrer Fütterungsfrequenz erkennen andere Paare, wie ergiebig die
Nahrungsquelle ist und wo sich diese befindet. Außerdem bietet die Kolonie
dem Nachwuchs Schutz vor Fressfeinden.
Verfolgung
Die Beziehung zwischen Mensch und Saatkrähe war schon in den letzten Jahrhunderten
durch die Einstufung der Krähe als Schädling belastet. Diese Einstellung
bekam auch der Begründer der europäischen Vogelkunde Johann Friedrich
Naumann zu spüren. In seinem Wäldchen unweit seines Wohnhauses befand
sich eine kopfstarke Saatkrähenkolonie, die Naumann durch Einzäunung des
Waldes vor Beunruhigungen schützte. Im Jahre 1849 allerdings schritt ein
missgünstiger Bauer aus der Nachbarschaft zur Tat, verschaffte sich Zutritt
und schoss mithilfe weiterer Dorfbewohner die Krähen ab. Erst ein mit
Naumann befreundeter Pfarrer konnte dem Treiben ein Ende setzen, da die
Behörden wegen „einiger Krähen" nicht eingriffen.
Auch noch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Saatkrähe in
Deutschland verfolgt. Die Feuerwehr spritzte die Kolonien aus. Jäger schossen
die Nester mit Schrot aus und die Elterntiere ab, Landwirte legten vergiftetes
Getreide als Fressköder aus.
Die Ernennung der Saatkrähe zum Vogel des Jahres 1986 brachte aber eine
Trendwende. Es erfolgte ein Jagdverbot der BRD und es konnte eine gewisse
Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung erreicht werden. Der Rückgang des
Bestands wurde aufgehalten bzw. stieg er sogar an und mancherorts um 50
%. Die Saatkrähe steht nunmehr nicht mehr auf der Roten Liste. Trotz dieser
positiven Entwicklung ist die Saatkrähe vielen Zeitgenossen immer noch
ein Dorn im Auge. So sind Landwirte beunruhigt ob der Fraßschäden, welche
die Krähen in der keimenden Saat verursachen können. Noch immer wird sie
aus Unkenntnis mit der Rabenkrähe verwechselt und automatisch wird sie
so ebenfalls zum Nesträuber, der sie aber nicht ist. Das Brüten in Kolonien
und die damit verbundenen Lärm- und Kotbelastungen sind derzeitig die
entscheidenden Reibungspunkte, die immer wieder zur illegalen Auflösung
oder behördlich genehmigten Reduzierung von Kolonien führen. Auch werden
- trotz ganzjährigem Schutz - immer wieder Vögel abgeschossen, wahrscheinlich
überwiegend aus Unkenntnis.
Bestand
Ursprünglich war die Saatkrähe ein weitverbreiteter Brutvogel, der bereits
frühzeitig in die Städte einwanderte. Diese Einwanderung erfolgte oft
als „Schutzflucht" vor den Nachstellungen in der Feldflur. Bereits während
Goethes Besuchen in Leipzig (1765 - 68) existierten Kolonien dieser Vögel,
die 1896 und 1909 erloschen. Von 1833 bis 1952 existierte in Leipzig im
Paunsdorfer Wäldchen noch eine Kolonie.
Die größte historische Kolonie in Sachsen-Anhalt, das Mühlenholz bei Havelberg
mit geschätzten 3.000 Nestern, fiel bis Mitte der 30iger Jahre dem Holzeinschlag
zum Opfer. 1896 erlosch die bekannte Kolonie, die der Rabeninsel der Stadt
Halle den Namen gab. So wurden durch Bekämpfung bereits im 19. Jh. viele
Brutplätze aufgegeben. Im 20. Jh. führte vor allem der Einsatz von Agrochemikalien
zum Rückgang der Art. Eine Erholung der Bestände erfolgte erst durch die
Waffenlosigkeit nach dem 2. Weltkrieg. Mit Beginn der fünfziger Jahre
wurden allerdings viele der neuen Kolonien wieder zerstört.
Die Etablierung der großen Winterschwärme in den Großstädten aufgrund
der günstigen Nahrungsbedingungen schuf allerdings erneut gute Voraussetzungen
für die Gründung neuer Kolonien in Städten, wobei mancherorts auch in
traditionellen Agrarlandschaften nicht mehr gebrütet wird.
Der Bestand in Deutschland wurde 1992 - mit positivem Trend - auf 40.000
Brutpaare geschätzt. Die Brutbestände dieser schönen und intelligenten
Vögel sind allerdings noch keinesfalls stabil.
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Verbreitungsgebiet
der Saatkrähe |