Rotkopfwürger (Lanius senator)
Woodchat Shrike
Ordnung:
Sperlingsvögel
(Passeriformes)
Familie: Würger
Unterfamilie: Eigentliche Würger
(Laniinae)
Der Rotkopfwürger ist ein bunter Singvogel, der zur Familie der Würger
gehört. Würger zeichnen sich durch einige Besonderheiten - wie einen starken,
nach unten gebogenen Hakenschnabel, dem Festhalten der Beute mit dem Fuß
und deren Aufspießen auf Dornen - aus. Diese in Deutschland nur noch im
klimatisch günstigen Süden regelmäßig brütende Würgerart ist im übrigen
Gebiet nur noch vereinzelt sporadischer Brutvogel und insgesamt selten
zu beobachten. Einer neuerlichen Ausbreitung stehen mittlerweile auch
die weiträumigen anthropogenen Landschaftsveränderungen entgegen, die
den Vögeln keine geeigneten Bruthabitate mehr bieten können.
Vorkommen
Das Brutvorkommen erstreckt sich von Marokko, der libyschen Küste, bis
zu den nördlichsten Oasen Algeriens über die Inseln des Mittelmeeres (vereinzelt
in Zypern) - mit Ausnahme der Balearen, Sardiniens, Korsikas und den Tyrrhenischen
Inseln - weiter bis zur Iberischen Halbinsel nach Frankreich bis zu den
Ardennen und ins Pariser Becken. Weiter im Osten nach Belgien, Deutschland,
Ungarn, Polen, Tschechien und der Slowakei (nur noch vereinzelte und sporadische
Vorkommen). Der Rotkopfwürger brütet auch in Kleinasien und vereinzelt
in der Türkei. Auf der Balkanhalbinsel brütet die Art vor allem in den
Küstengebieten und geschützten Beckenlagen. Eine Arealerweiterung erfolgte
nur in Bulgarien.
Der Rotkopfwürger war noch im 19. und auch stellenweise bis zum 20. Jh.
ein in Mitteleuropa verbreiteter Brutvogel, der mittlerweile im Verschwinden
begriffen ist. Derzeitig gelangen regelmäßig nur noch einzelne Zugvögel
bis zu den Nordseeinseln und bis zur Ostseeküste.
Als Lebensraum bevorzugt die Art Streuobstwiesen und Obstbaum-Alleen an
Landstraßen. Oftmals besiedelt er auch alte, gut strukturierte und noch
bewirtschaftete Obstgärten am Dorfrand, wo das Gras regelmäßig gemäht
und beweidet wird. Besonders mag er in den Gärten die Bohnenstangen, von
denen aus er auf Jagd geht.
Im Gegensatz zum Schwarzstirnwürger siedelt der Rotkopfwürger auch in
Habitaten mit dichteren Strauchschichten und Baumbeständen.
Wanderungen
Der Rotkopfwürger verbringt den geringsten Teil des Jahres im Brutgebiet.
Die brutlosen bzw. ledigen Vögel verlassen bereits Anfang Juli die Brutgebiete.
Der Rest folgt zwischen Juli und September, wobei der überwiegende Teil
im August zieht. Der Zug geht über Frankreich, Spanien und dann weiter
nach Marokko. Dabei überfliegen die europäischen Rotkopfwürger das Mittelmeer
in breiter Front und bevorzugen eine südwestliche Zugrichtung. In Marokko
ist der Rotkopfwürger ein häufiger Beutevogel der dort ansässigen Eleonorenfalken
Falco Eleonorae, die um diese Zeit mit den erbeuteten europäischen
Zugvögeln ihre Jungen aufziehen.
Sehr schnell erreichen die Vögel - nach Überquerung der Sahara - ihre
Winterreviere an der Elfenbeinküste, in Ghana, Niger und im Senegal. Im
März verlässt der Großteil dann das Überwinterungsgebiet und trifft von
Anfang bis Ende April in SW-Deutschland ein.
Aussehen
Der 18 cm große Rotkopfwürger zeichnet sich durch eine markante schwarz-weiß
gezeichnete Oberseite aus. Die Schultern sind weiß. Ein breites, schwarzes
Stirnband, das Zügel und Ohrdecken einschließt, bildet eine markante Gesichtsmaske,
die zwei rundliche bis dreieckige weiße Flecken über der Schnabelwurzel
zieren. Davon heben sich kontrastreich die braunroten Scheitel-, Nacken-
und Vorderrückenfedern ab. Der Bürzel ist wieder weiß und der Rücken ist
blaugrau gefärbt. Die weiße Unterseite wird von den rahmfarbenen Flanken
begrenzt. Der schwarze Schwanz wird von weißen Seiten gesäumt. Die braunschwarzen
Flügelfedern sind mit helleren weißlichen Rändern gesäumt.
Das Weibchen ist insgesamt wie das Männchen gefärbt, wirkt aber mehr brauner,
auch die Maske ist nicht ganz so ausgedehnt und hat braune Ränder.
Der Gesang ist ein nicht in Strophen gegliedertes Geschwätz, das aus harten
und rauen Lauten sowie den Imitationen anderer Arten besteht. Anders als
bei den anderen Würgerarten hat der Gesang des Rotkopfwürgers eine territoriale
Bedeutung. Auch das Weibchen singt und es kommt zu Duettgesängen der Partner.
Der lauteste und längste Ruf des Würgers ist ein vom Männchen vorgetragenes
„drirrd", das gegenüber Rivalen geäußert wird.
Die ältesten Ringvögel erreichten ein Alter von 6 Jahren bzw. 5 Jahren
und 10 Monaten.
Nahrung
Der Rotkopfwürger jagt seine Lieblingsnahrung - Fluginsekten - fliegenschnäpperartig
von erhöhten Warten wie Leitungsdrähten, Zaunpfählen, Strauchspitzen u.a.
Vorrangig werden Großinsekten wie Käfer, Heuschrecken und Schmetterlinge
erbeutet. Hummeln, Wespen und Bienen werden vor dem Verzehr entstachelt.
Bei schlechtem Wetter wird die Nahrung auch am Boden gesucht und Regenwürmer,
Käfer und Gehäuseschnecken aufgenommen. Außerdem vervollständigen kleine
Wirbeltiere wie Eidechsen, Frösche und Mäuse den Speiseplan. Bei reichlich
vorhandener Beute wird diese - wie bei allen Würgern üblich - an den Dornen
von Büschen oder auch an Stacheldraht aufgespießt. Aufgrund der deutlich
überwiegenden Insektennahrung werden kaum Gewölle ausgeschieden, dies
erfolgt aber dann umfangreicher, wenn größere Beute gefangen und verspeist
wurde. Werden kleine Wirbeltiere gespießt, dann wird zuerst der Kopf geöffnet
und anschließend das Gehirn verzehrt.
Im Spätsommer und im Herbst wird die tierische Nahrung durch Beeren (Holunder
und Himbeeren) und Früchte (Kirschen) ergänzt. Vereinzelt können Rotkopfwürger
auch zu Vogeljagdspezialisten werden. Gejagt werden sowohl entkräftete
Zugvögel im Winterquartier als auch Jung- bzw. Altvögel im Brutgebiet.
Typisch für den Rotkopfwürger ist der Verzehr der Nahrung „aus der Faust".
Dabei hält der Vogel das Beuteobjekt mit dem Fuß und reißt mit dem Schnabel
kleine Stücke ab. Auch beim Transport von schwerer Beute können die Füße
zum Einsatz kommen, indem die Beute vom Schnabel übergeben wird.
Brutbiologie
Rotkopfwürger führen eine Saisonehe. Die Balz beginnt schon auf dem Heimzug
vom Winterquartier und einige Paare halten dann schon zusammen. Nach Besetzung
des Brutreviers, das bis zur Eiablage von beiden Partnern heftig verteidigt
wird, sucht das Männchen einen passenden Neststandort. In Deutschland
werden fast ausschließlich Obstbäume ausgewählt und zwar besonders Birnen,
wegen der früheren Belaubung. Das Nest steht in Ästen in 3,0 bis 5,0 m
Höhe und ist bis zu 5,0 m vom Stamm entfernt. Es ist kompakt, halbkugelig
und wird von beiden Partnern aus frischen, krautigen Pflanzen, vor allem
Gräsern, die mit Holzteilen vermischt sind, errichtet. Zuerst beginnt
das Männchen zu bauen und nach zwei Tagen beteiligt sich auch das Weibchen,
das dann auch der aktivere Teil werden kann. Zur Innenauskleidung tragen
die Vögel Schafwolle, Papierfetzen und manchmal Federn ein.
Gern werden für das Nest, wie auch beim Schwarzstirnwürger, graufilzige
Materialien bzw. blühende Pflanzen benutzt. Im Zeitraum von 4 bis 6 Tagen
ist der Nestbau dann abgeschlossen. Für das Nest können bis zu 22 Pflanzenarten
Verwendung finden.
Die 4 bis 6, zuweilen auch 7 oder 8 Eier, variieren in den unterschiedlichsten
Grundfarben, sind farblich sehr indifferent und von hell-, bis olivgrünlicher
und graugelblich, sandfarbener Farbe.
Nur das Weibchen brütet 14 bis 16 Tage lang, nachdem das letzte Ei gelegt
wurde. Nach weiteren 15 bis 18 Tagen verlassen die Jungen das Nest. Nach
26 Tagen fangen die Jungen an selbständig zu jagen und sind mit 42 Tagen
ausgewachsen. Sie werden aber insgesamt noch 4 bis 6 Wochen nach dem Ausfliegen
von den Eltern betreut. Die meisten Verluste unter den Jungen werden durch
schlechtes Wetter verursacht. Die Jungen sterben dann nicht durch Nahrungsmangel,
sondern an Nässe und Unterkühlung. Bei längeren Schlechtwetterperioden
verlassen die Eltern auch das Brutgebiet und ziehen vorzeitig weg. Andere
Brutverluste verursachen Rabenvögel und menschliche Störungen. Flügge
Junge werden von Falken erbeutet. Bei Straßen in Nestnähe kann es zu Verkehrsopfern
kommen. Nach Ende des ersten Lebensjahres werden die Jungen geschlechtsreif.
Bestand
Der Rotkopfwürger ist eine wärmeliebende Art, die stark unter Klimaschwankungen
zu leiden hat. Allerdings gelingt es diesem Würger trotz der klimatisch
günstigen Situation nicht mehr, in die ehemals besiedelten Gebiete vorzudringen,
da hier durch die intensive Landnutzung umfangreiche Eingriffe in den
Bruthabitaten erfolgten, die so eine Ansiedlung unmöglich machen. Expansive
Vorstöße, die - wie Anfang des 19. Jh. - die Art bis in die Ukraine und
Weißrußland führten, können somit kaum noch erwartet werden. Dies zeigten
bereits die letzten Expansionen 1920, 1930, 1950 und 1976 – 78.
In den Perioden der Ausbreitung brütete die Art bis in den NO Niedersachsens,
in Süd- Holstein und in Mecklenburg-Vorpommern. Derzeitig kann man brütende
Rotkopfwürger nur noch vereinzelt und lokal, in klimatisch günstigen Lagen
Süddeutschlands, regelmäßig beobachten. In Sachsen war die Art seit Anfang
des 19. Jh. ein spärlich verbreiteter Brutvogel, der dann allerdings mit
der Jahrhundertwende aus den meisten Gebieten verschwand. In den 1950iger
Jahren traten dann noch einmal vermehrt lokale Bruterfolge auf. Die letzten
Einzelbruten wurden aber Ende der 70iger Jahre registriert. In Sachsen-Anhalt
verschwand die Art ebenfalls nach dem letzten Gelegefund 1903. Der Rotkopfwürger
tauchte dann als Brutvogel in den 50iger Jahren und Anfang der 60iger
Jahre vereinzelt wieder auf. Es folgten dann sporadisch Einzelbruten und
Brutversuche, wobei die letzten Einzelbruten bei Sangerhausen Ende der
80iger Jahre registriert wurden.
ANFANG
© Dirk Schäffer, Vogelschutz-online
e.V. (12/2002)
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Verbreitungsgebiet des Rotkopfwürgers
Zum
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