Rauchschwalbe (Hirundo rustica)
Barn Swallow Ordnung: Sperlingsvögel
(Passeriformes) Familie:
Schwalben (Hirundinidae)
Mit der Sesshaftigkeit des Menschen in unserer Region
lieferten die Häuser und Hütten den Rauchschwalben
willkommene Brutplätze. So wurde sie zum Kulturfolger.
Die Rauchschwalbe ist ein volkstümlicher Vogel, der sowohl als
Glücksbringer als auch als Frühlingsbote galt und der
das Haus angeblich vor Feuer schützen sollte. Das
Brüten in Kaminen, Schornsteinen oder Rauchfängen
soll ihnen den Namen „Rauchschwalben" eingebracht haben.
Wegen ihrer rostroten Kehle wurde sie auch Feuer- oder Blutschwalbe
genannt, aufgrund des Brütens in Ställen auch
Stallschwalbe. Voller Bewunderung schrieb BREHM in seinem
Tierleben: „Die Rauchschwalbe fliegt am schnellsten,
abwechselndsten und gewandtesten unter unseren Schwalben; sie schwimmt
und schwebt, immer rasch dabei fortschießend, oder fliegt
flatternd, schwenkt sich blitzschnell seit-, auf- oder
abwärts, senkt sich in einem kurzen Bogen fast bis zur Erde
oder bis auf den Wasserspiegel herab, oder schwingt sich ebenso zu
einer bedeutenden Höhe hinauf, und alles dieses mit einer
Fertigkeit, welche in Erstaunen setzt; ja, sie kann sich sogar im Fluge
überschlagen. Mit großer Geschicklichkeit fliegt sie
durch enge Öffnungen, ohne anzustoßen. Zum Ausruhen
wählt sie hervorragende Örtlichkeiten, welche ihr
bequemes Zu- und Abstreichen gestatten; hier sonnt sie sich, hier
ordnet sie ihr Gefieder, hier singt sie." Vorkommen
Die Rauchschwalbe brütet in ganz Europa, aber nur
vereinzelt in Island, auf den Färöern und auf Malta.
In den Alpen fehlt sie ab etwa 1.000 m und in den Mittelgebirgen ab 800
m. Höchste Brutvorkommen befinden sich in den Karpaten und in
der Hohen Tatra bei 1.350 m. Außerdem kommt sie in
Nordwestafrika und in Asien (mit Ausnahme der tropischen Gebiete) und
in Nordamerika vor. Die Verbreitung reicht bis weit nach Norden. Dabei
bildet der Polarkreis in Europa und Asien die Nordgrenze. In
Nordamerika ist dies eine Linie von der Mündung des
St.-Lorenz-Stromes bis hinauf nach Alaska. Wanderungen
Die Rauchschwalbe ist ein Zugvogel, der von Mitte April bis
September/Anfang Oktober im Brutgebiet anzutreffen ist. Vor
dem Abflug versammeln sich die Rauchschwalben gern an
Massenschlafplätzen, die sich oft im Schilf befinden.
Die Überwinterungsgebiete erstrecken sich von Mittelafrika
(Kongo, Uganda) bis nach Südafrika. Außerdem gibt es
Wintervorkommen in Indien und im Iran. Im afrikanischen Winterquartier
sind die Vögel über Savannen, feuchten
Grasländern, Sümpfen und offenen Kulturlandschaften
anzutreffen, aber auch über Regen- und Nebelwäldern
in 3.000 m Höhe. Im Dorf Boje-Enyi in SO-Nigeria
machen jedes Jahr im Dezember fast 1 Million Rauchschwalben einen
Zugstopp. Früher wurden von der dortigen Bevölkerung
- vom Ältesten des Dorfes streng reglementiert - bis zu 5.000
Schwalben je Jahr in mondhellen Nächten an ihren
Schlafplätzen mit Leimruten gefangen. Derzeitig wird versucht,
mithilfe einer regionalen Schweinezucht den Nahrungsbedarf der
Bevölkerung ganzjährig zu decken und damit den
Schwalbenfang zu stoppen. Während des Herbstzuges
können anhaltende Schlechtwetterperioden zum Zugstau und damit
zum Massensterben von Rauch- und Mehlschwalben (Hungertod)
führen. Das letzte derartige Ereignis fand 1974 statt. Damals
wurden Hunderte von Schwalben von freiwilligen Helfern eingesammelt und
per Bahn oder Flugzeug über die Alpen nach
Südfrankreich oder Nordafrika verfrachtet.
Aussehen Die Oberseite der
Rauchschwalbe glänzt metallisch in einem dunkel- bis
schwarzblauen Ton, von ihr hebt sich die braunrote Stirn deutlich ab.
Ebenfalls braunrot gefärbt ist die Kehle, der sich ein blau-
bzw. braunschwarzes Brustband (Kropfband) anschließt, das von
rötlichen Federn umsäumt wird. Die restliche Brust
und die gesamte Unterseite (Bauch und Flanken) sind
weißlich-rahmfarben bis hell rostrot getönt. Der
Schnabel ist schwarz. Der Schwanz (mit Schwanzspießen) ist
tief eingeschnitten von schwarzbrauner Farbe mit schwach
bläulichem bzw. flaschengrünem Schimmer. Die Weibchen
und die Jungvögel besitzen kürzere
Schwanzspieße als die Männchen. Jungvögel
wirken insgesamt matter, mit hellerer Kopfzeichnung. Das
Flugbild ist schlank und länglich. Dabei sind die
Flügel schmal und gebogen und länger als bei
Mehlschwalben. Auffällig ist der tief gegabelte Schwanz mit
den langen Schwanzspießen. Die Schwanzfedern sind durch
sichtbare weiße Flecken an der Unterseite gekennzeichnet.
Die häufigste Stimmäußerung der
Rauchschwalbe ist ein plauderndes, langgezogenes und wohlklingendes
Gezwitscher mit tiefen Schnurrern am Ende der Strophen. Das Zwitschern
wird auch von den Weibchen und den Jungvögeln vorgetragen.
Besonders am Brutplatz und bei Massenansammlungen dient es als
wichtiges Kontaktmittel. Der häufigste Lock- bzw. Kontaktruf
ist ein einfaches bis mehrsilbiges „wi" bzw. „wid
wid", das bei Gefahr ein hohes „ziwitt" („zidit")
wird. Mitunter ist auch ein Schnabelklappen zu hören.
Es wurden Rauchschwalben nachgewiesen, die noch im Alter von 11 Jahren
brüteten. Die ältesten freilebenden Vögel
erreichten ein Alter von 12 bzw. mindestens 16 Jahren.
Nahrung Das Beutespektrum
richtet sich vor allem nach dem lokalen Insektenangebot im Brutgebiet
und kann deshalb sehr variabel sein. Rauchschwalben
ernähren sich von Fluginsekten vor allem von Fliegen,
Mücken, Käfern, Schmetterlingen und auch
flügellosen Insekten, die an Fäden schweben. Die
größten erbeuteten Insekten sind Libellen.
Die normale Fluggeschwindigkeit bei der Jagd beträgt 25 bis 50
km/h. Für die größeren Insekten wird die
Geschwindigkeit auf 70 - 80 km/h gesteigert. Kleine Insekten werden im
Gleitflug erbeutet. Oft jagen die Rauchschwalben zusammen
mit Mehlschwalben, allerdings im Luftraum unter diesen. An regnerischen
und wolkigen Tagen können die Schwalben verstärkt
über Gewässeroberflächen von Gräben
und kleinen Bächen sowie über feuchten Wiesen, die
sich in der Nähe der Ortschaften befinden, beobachtet werden,
wo sie das dortige Insektenangebot nutzen. Dabei können von
der Wasseroberfläche auch nicht flugfähige Insekten
und Wasserläufer weggeschnappt werden. Bei Regen
und Wind wird entlang windgeschützter Zonen (Hecken,
Waldränder, Windschutzstreifen) gejagt. Außerdem
können bei schlechtem Wetter Insekten und Spinnen auch im
Flatterflug von Stall- und Häuserwänden abgelesen
werden. Auf dem Boden kann dann ebenso gejagt werden. Im
Winterquartier bilden Termitenschwärme und Moskitos eine
beliebte Beute. Auch das Auftreten von Buschbränden wird
für die Insektenjagd ausgenutzt. Getrunken und
gebadet wird im Flug. Brutbiologie
Ursprünglich lebte die Rauchschwalbe wahrscheinlich
in der Nähe von Gewässern an Felswänden,
Steilküsten und brütete an deren Wänden bzw.
in Höhlen, wobei ausgewaschene Höhlen in Ufern
bevorzugt wurden. Nach der Anpassung an den Menschen steht das Nest
fast ausnahmslos im Inneren von Gebäuden. Grundbedingung ist
ein offenes Fenster oder eine andere Öffnung, die den
Vögeln zur Verfügung steht. Als Brutgebäude
dienen Ställe aller Art, Hausflure, Scheunen, bewohnte Zimmer,
Schuppen usw. Genutzt werden auch Formen von Vorbauten und
Unterstelldächern aller Art in Bahnhöfen,
Tankstellen, Tordurchfahrten, Kircheneingänge und
Klostergängen. Dies ist bereits der Übergang zum
brüten außerhalb von Gebäuden, das z.B. an
Brücken und Schleusen zu beobachten ist. Das Nest
wird senkrecht an der Wand auf einem vorstehendem Balken, Brettchen
oder Haken angebracht. Es hat die Form einer Viertelkugel, ist etwa 20
cm breit und 10 cm tief. Die Stärke der Nestwand
beträgt 1 bis 2 cm. Einige Nester werden auch auf Lampen
(bevorzugt Neonröhren in Ställen), auf Rohrleitungen,
horizontalen Balken oder Trägern angebracht. Diese Nester
haben die Form einer flachen Schüssel. Alle Nester sind aber
so gebaut, dass sie nach oben einen Schutz durch die Wand des
Gebäudes haben. Ausgenommen sind die Nester, die in
Lüfterschächten und Kaminen errichtet werden. Am
Nestbau, der 8 bis 12 Tage dauern kann, beteiligen sich beide Partner.
Allein die Auspolsterung kann bis zu 2 Tage beanspruchen. Die Bauzeit
verlängert sich bei Schlechtwetter und verkürzt sich
mit fortschreitender Brutsaison. Das Nest besteht aus
feuchter Erde und Lehmkügelchen, die mit Stroh-, Heuhalmen und
Pferdehaaren vermischt werden. Alle Bauteile werden mit Speichel
zusammengeheftet. Lokal können die Nester auch fast
ausschließlich aus Rinder- oder Schweinedung errichtet
werden. Im Gegensatz zur rauen Außenseite, aus der die
verwendeten Halme und Reiser heraushängen, wird die Innenseite
geglättet und mit Federn, Würzelchen, feinen Haaren
sowie Gras ausgepolstert. Die Nester werden mehrere Jahre
hintereinander benutzt. Manche von ihnen bis zu acht Jahre (max. 25
Jahre)! Die Rauchschwalbe zeitigt 2 - 3 Jahresbruten, wobei
die Gelegegröße aus 4 bis 5 (selten 6) Eiern
besteht. Die Eier sind weiß mit violettgrauen und rotbraunen
Flecken, ihr Durchmesser beträgt 19,5 x 13,3 mm und das
Eigewicht 2,0 bis 2,2 g. Die Brutzeit verläuft von
Mai bis September. Dabei findet die erste Brut von Ende Mai bis in den
Juni und die zweite Brut von Juli bis Anfang August statt. Die zweite
Brut besteht meist nur aus 4 Eiern. Die spätesten Jungen
wurden im Oktober beobachtet. Das Weibchen brütet
13 bis 16 Tage auf den Eiern. Die Bebrütungsdauer ist
erheblichen Schwankungen unterworfen, da das Weibchen bei
kühlerem Wetter erheblich mehr Zeit für die
Nahrungssuche aufwendet, wofür es des Nest verlässt.
Schlechtwetterperioden können oftmals zum Totalverlust der
Jungen führen, Spätbruten werden dann im Stich
gelassen. Allerdings besitzen die Jungen die Eigenschaft der
Torpidität, das heißt sie können bei kaltem
Wetter in eine Kältestarre fallen. Besonders die
Nesthäkchen sind vom Nahrungsmangel betroffen. Dann
können sie noch zusätzlich von blutsaugenden
Parasiten (Laus- und Vogelblutfliege) geschwächt werden. In
Hitzeperioden kommt es wiederum vor, dass sie von den
kräftigeren Geschwistern aus dem Nest gestoßen
werden. Im Alter von drei Wochen verlassen die Jungen das
Nest. Beide Altvögel füttern die Jungen gemeinsam.
Gefüttert werden Fliegen, Mücken, Schlupfwespen,
kleinere Schmetterlinge, Blattläuse und Zikaden.
Bestand Unsere
größte einheimische Schwalbe ist als
ausgeprägter Kulturfolger sowohl bei der Wahl ihrer
Brutplätze als auch bei der Nahrungsaufnahme auf den Menschen
angewiesen. Die neuesten Zahlen der Gesellschaft
„Birdlife International" stuften die Rauchschwalbe in
Deutschland und den Niederlanden - trotz Ausweitung des
Siedlungsgebietes in den Polderflächen bis Ende der 70iger
Jahre - als „deutlich rückgängig" ein. In
keinem europäischem Land wurden leichte oder deutliche
Steigungen der Brutvorkommen registriert. Allerdings sind lokale
Bestandsschwankungen um 20 bis 30 % durchaus normal und werden ebenso
wie zugbedingtes Massensterben (aufgrund von
Schlechtwettereinbrüchen) in den Folgejahren kompensiert.
Anhand von Hochrechnungen innerhalb von großräumigen
Bestandsbeurteilungen ergibt sich für Deutschland die Zahl von
ca. 920.000 bis 1.500 000 Brutpaare. In vielen
europäischen Ländern hängen die
festgestellten Bestandsabnahmen ursächlich mit den
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungen in den
dörflichen Siedlungsgebieten zusammen, auf welche die
Rauchschwalbe als Kulturfolger und Gebäudeinnenbrüter
dementsprechend reagierte bzw. reagiert. Hauptsächlich
betrifft dies die Umstellung der extensiven Tierhaltung bzw. des
Ackerbaus auf großflächige und intensive
Produktionseinheiten, in deren Konsequenz sich die Anzahl der
landwirtschaftlichen Betriebe dramatisch verringerte. So vollzogen sich
besonders in Deutschland, den Niederlanden und in Dänemark in
den letzten Jahren deutliche und einschneidende Veränderungen
in der Schweinehaltung. In den nun vollklimatisierten geschlossenen
Ställen werden die Fenster - wenn vorhanden - über
Klimacomputer geöffnet, traditionelle
Brutmöglichkeiten wie Wasser-, Stromleitungen sowie Lampen
sind sparsamer dimensioniert und damit für die Schwalben
unattraktiv. Mastställe werden nach dem Rein-Raus-Prinzip
bewirtschaftet, das heißt es erfolgt eine gründliche
Reinigung mit Hochdruckreinigungsgeräten und
Desinfektionsmitteln, die auch die Nester der Schwalben nicht
verschont. Stallfliegen werden in den Betrieben biologisch
bekämpft bzw. über mannigfaltige Präparate
vergiftet. Generell zwingt die zunehmende
Verstädterung der Dörfer, die mit einem Umbau und
einer Nutzungsänderung von Ställen sowie einer
Versiegelung des Umlandes einhergeht, die Rauchschwalbe zur Auswahl
neuer Brutmöglichkeiten. So werden zunehmend Lager- und
Fabrikhallen, Garagen, Toreinfahrten, Schuppen, Hausflure, Bodenkammern
u.a. den Schwalben zugängliche Orte gewählt, an denen
es bei günstigen Bedingungen zu hohen Konzentrationen kommen
kann. Untersuchungen zeigten, dass verglichen zu den traditionellen
Brutplätzen in Ställen (aufgrund der
Körperwärme der Tiere „Warmräume"
genannt), in den Ausweichquartieren („Kalträume"
genannt) die Bruten später stattfinden und auch weniger Junge
schlüpfen. Die überall vollzogene
Trockenlegung von Gräben und feuchten Wiesen führte
außerdem dazu, dass den Schwalben diese Strukturen - an denen
sich bevorzugt Insekten konzentrieren, die von den Schwalben gejagt und
erbeutet werden - nun fehlen.
©
Dirk Schäffer, Vogelschutz-online e.V. (12/2002)
|  Verbreitungsgebiet der Rauchschwalbe
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