Raubwürger, Grauwürger (Lanius excubitor excubitor L.)
Great Grey Shrike, amerik. Northern Shrike
Ordnung:
Sperlingsvögel
(Passeriformes)
Familie: Würger
Unterfamilie: Eigentliche Würger (Laniinae)
Der fast drosselgroße Raubwürger ist unser größter einheimischer Würger,
der auch im Winter bei uns ausharrt und durch seine auffällige schwarz-weiße
Zeichnung kaum verwechselbar ist. Er bewohnt in zahlreichen Rassen fast
die gesamte paläarktische Region.
Sein lateinischer Name excubitor = Wächter deutet auf eine würgertypische
Verhaltensweise hin: Das wächterähnliche Ansitzen von exponierten Jagdwarten
in Erwartung eines Beutetieres. Andererseits wird der Raubwürger auch
als „Wächter" bezeichnet, weil er manchmal das Erscheinen von Greifvögeln
mit lautem Gezeter vermeldet. Aufgrund dieser Eigenschaft nutzten ihn
die Falkoniere beim Falkenfang, um die anfliegenden Greifvögel anzuzeigen.
Eine weitere für ihn typische Würgereigenschaft, ist das Aufspießen von
Beutetieren als Vorrat.
Obwohl er deutlich kleiner ist, brachten ihm sein elsterähnliches Aussehen
und vor allem das „Schäckern" im Volksmund die Namen „Busch-", „Strauch-"
sowie „Drillelster" oder auch „Elsterle" ein.
Vorkommen
Der Raubwürger ist ein weit verbreiteter Brutvogel. Das Verbreitungsareal
wird durch zwei differenzierte Subspezies der Art besiedelt. Die bei uns
heimische excubitor-Gruppe, die das Nordareal bewohnt, kommt außer in
Europa, in Asien (bis Ostasien) und im nördlichen Afrika auch in ähnlicher
Form in Nordamerika vor. Die europäische Form brütet im Norden bis Nordskandinavien
und im Nordteil des europäischen Teils Rußlands sowie in West-, Mittel-
und Ostsibirien bis Sachalin bzw. zu den Kurilen. Im Süden kommt er bis
zur Linie Mittelfrankreich - Schweiz - Nordostitalien - nördliches Jugoslawien
- Westrumänien vor. Er fehlt auf Kamschatka, den Britischen Inseln, auf
Island, Irland, in Griechenland und in Kleinasien. Dänemark wurde erst
im 20. Jh. von Süden her besiedelt.
Der Raubwürger ist ein Teilzieher, der in seinem Brutgebiet umherstreift.
Außerdem überwintern bei uns Vögel aus den nordöstlichen Brutgebieten.
Aussehen
Der Raubwürger ist mit 24 bis 25 cm etwa starengroß, 65 bis 70 g schwer
und mit langem Schwanz, runden Flügeln sowie einem arttypischem Hakenschnabel
versehen. Er erreicht eine Spannweite von 0,35 m. Der verwandte Schwarzstirnwürger
ist nur unwesentlich kleiner. Auffallend ist die schwarzweiße Färbung
des Raubwürgers. Seine Oberseite ist überwiegend hellgrau und die Unterseite
ist reinweiß. Wenn das Gefieder noch frisch ist, sind Brust und Seiten
rosa überhaucht. Das Schultergefieder ist gegenüber den dunklen Flügeln
deutlich weiß aufgehellt. Von den schwarzen Flügeln setzt sich eine weiße
Flügelbinde ab, die besonders im Flug sichtbar wird. Auch der schwarze
Schwanz ist durch äußere weiße Abschnitte gekennzeichnet. Charakteristisch
ist die schwarze Gesichtsmaske, die als breites Band von der Ohrgegend
durch das Auge bis zur Schnabelbasis verläuft und gegenüber dem grauen
Oberkopf durch eine schmale weiße Linie abgegrenzt ist. Die Stirn ist
ebenfalls grau.
Für die Stimme des Raubwürgers ist ein elsterähnliches Schäckern charakteristisch
oder ein harter Ruf wie „wäd, wäd". Der schwätzende Gesang besteht aus
kurzen, meist etwas rau klingenden, laut quäkenden und pfeifenden Lauten.
Der Gesang wird ohne Gliederung der einzelnen Strophen und mit vielen
Imitationen von anderen Vogellauten vorgetragen.
Der bereits von den Falknern im Mittelalter genutzte „Wächterpfiff", der
dem Raubvogel als Warntriller oder Angriffsruf dient, hört sich an wie
„trrr" oder länger „trrr-tr-tr-trrr".
Das höchste Alter beim Raubwürger wurde mit 6 Jahren und 10 Monaten für
einen hessischen Vogel bzw. mit 7 Jahren und 4 Monaten für einen finnischen
Vogel dokumentiert.
Nahrung
Der Raubwürger sitzt meist auf erhöhter Warte - vorrangig in 2,0 bis 5,0
m Höhe - und schlägt seine Beute dann am Boden. Die Ansitzwarten wechselt
er in einem typischen bogenförmigen Flug. Freie Flächen kann er aber auch
nach Turmfalkenmanier im „Rüttelflug" bejagen. Der Raubwürger ist bei
der Nahrungswahl sehr flexibel und kann sich schnell auf günstige Situationen
einstellen. So nimmt er z.B. auch Aas zu sich. Zum Beutespektrum des Würgers
gehören kleine Säugetiere, verschiedene Kleinvogelarten, kleine Reptilien
und Großinsekten. Kleinsäuger wie Feld- und Erdmäuse werden mit heftigen
Schnabelhieben gegen den Hinterkopf getötet. Insekten packt er mit dem
Schnabel und tötet sie durch Bisse in den Thorax. Als Beutevögel werden
Goldhähnchen, Meisen, Pieper, Ammern, Lerchen, Finken und Sperlinge geschlagen.
Selbst weitaus schnellere Arten als er selbst, wie z.B. Schwalben, kann
der Raubwürger überwältigen. Dabei überrascht er die Vögel entweder am
Boden, oder er „pflückt" sie im Vorbeifliegen von ihrer Sitzwarte bzw.
ergreift sie während des Fliegens. Vor allem bei hohen Schneelagen im
Winterhalbjahr stellt sich der Raubwürger großenteils auf Kleinvögel um.
Dann verfolgt er auch nach Fehlangriffen - ähnlich wie der Sperber - hartnäckig
seine Beute über weite Strecken, selbst bis in die Büsche hinein. Darum
nannte ihn der regionale Volksmund auch „Gebüschfalke" und „Finkenbeißer".
Bei Bedarf unternimmt er in der Brutzeit bis zu 3 km weite Beuteflüge.
Bis 20 g schwere Beutetiere werden im Schnabel transportiert, darüber
hinausgehende trägt er mit den Füßen weg. Die Beute, die er nicht verschlucken
kann, bringt er zu seinen Fressplätzen. Das sind Aststummel, Zweigenden,
Astgabeln, Borkenstücke, Dornensträucher und Stacheldraht. Hier wird die
Beute erst fixiert und dann er reißt er sich schnabelgerechte Brocken
ab. Unverdauliche Beutereste werden als Gewölle wieder ausgeschieden.
An den Fress- und Spießplätzen wird die überschüssige Beute für Notzeiten
als Vorrat gelagert. Oftmals werden diese Plätze auch von Eichelhähern
und Elstern regelmäßig kontrolliert und geplündert.
Brutbiologie
Der Raubwürger bevorzugt als Brutgebiet offene, reich strukturierte Landschaften
wie z.B. Waldlichtungen, Kahlschläge, Heiden, Moore, Feldgehölze und Streuobstwiesen
mit Einzelbäumen, Strauchgruppen, Hecken u.a. Strukturen. Gern nutzt er
auch extensiv genutzte Flächen. Da alle Brutreviere sehr groß sind (25
bis 100 ha), ist der Raubwürger nirgends häufig.
Das Napfnest steht meist hoch in Einzelbäumen, kann aber auch in den tieferen
Bereichen der Dornensträucher stehen. Das Nest besteht an der Basis aus
dürren Zweigen, Wurzeln, Reisern sowie Halmen. Für den Napf werden Gras,
Moos, Federn und Haare eingeflochten. Manche Nester erhalten einen Schutz
aus Stachelzweigen, oder werden überwiegend aus Federn errichtet. Auch
Schnüre und Bindfäden wurden bereits als Baumaterial verwendet. Nester
des Raubwürgers sind sehr stabil. Deshalb werden sie gern wieder ausgebessert
und für neue Bruten genutzt. Neue Nester werden oft im selbem Baum errichtet
bzw. befinden sie sich zumindest im alten Revier.
Die Legezeit der einen Jahresbrut beginnt Mitte April und dauert bis in
den Mai hinein. Die 5 bis 7, manchmal auch 8 Eier sind trübweiß, mit grünlicher
oder bräunlicher Tönung, auf denen eine grobe dunkelgrau- bzw. aschbraune,
gleichmäßig verteilte Punktierung oder Fleckung vorherrscht. Die Eier
werden im 24 h Abstand gelegt und die Bebrütung erfolgt beim vorletzten
oder letzten Ei. Demzufolge schlüpfen die Jungen über 2 Tage. Die Brutdauer
beträgt 14 – 16 Tage, wobei überwiegend das Weibchen brütet und vom Männchen
gefüttert wird. Beide Partner füttern die Jungen im Nest etwa 19 – 20
Tage. Anschließend betreuen sie diese nach dem Ausfliegen noch weitere
2 bis 4 Wochen. In einzelnen Fällen füttern fremde Raubwürger bei einem
Brutpaar als Helfer mit. Während der Raubwürger im Elsaß ein regelmäßiger
Kuckuckswirt ist, wird er es in Deutschland nur ausnahmsweise.
Bestand
In Deutschland wurden um 1985 etwa 2.000 Brutpaare des Raubwürgers geschätzt.
In Sachsen-Anhalt war er bereits im 19. Jh. ein eher sporadisch verbreiteter
Brutvogel und an dieser Situation hat sich bisher nichts geändert. Der
derzeitige Verbreitungsschwerpunkt liegt in der Altmark. 1967 kam es zur
Wiederansiedlung bei Halle und zu einer allmählichen Bestandsvergrößerung.
Insgesamt wurde der Raubwürger an vielen Stellen aus den Tiefländern in
höhere Lagen verdrängt, geht aber über 900 m nicht hinaus. So ist aus
einem verbreiteten Brutvogel ein eher seltener geworden. Im Norden ist
der Raubwürger allerdings häufiger als im Süden seines Verbreitungsgebietes,
wo er seit dem Ende des 19. Jh. ein Großteil seines Areals verloren hat.
Beim winterharten Raubwürgern sind wohl keine klimatischen Ursachen für
den Rückgang verantwortlich zu machen, sondern lediglich Landschaftsveränderungen.
Hauptverursacher ist vermutlich die Landwirtschaft durch Entwässerung
von Mooren und Heiden, Intensivierung, der Grünlandnutzung, Umwandlung
von Wiesen in Ackerland sowie der Ausräumung der Landschaft. Auch die
Ausweitung der Verbauung, Torfabbau in großen Moorlandschaften und die
Wiederaufforstung offener Heidelandschaften spielen gebietsweise eine
Rolle. Eine Vielzahl menschlicher Aktivitäten verkleinert also die Anzahl
der Brutgebiete und schmälert auch das Nahrungsangebot.
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Verbreitungsgebiet des Raubwürgers
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