Neuntöter (Rotrückenwürger) (Lanius collurio)
Red-backed Shrike
Ordnung:
Sperlingsvögel
(Passeriformes)
Familie: Würger
Unterfamilie: Eigentliche Würger (Laniinae)
Der Neuntöter ist ein etwa drosselgroßer Singvogel, der zur Vogelfamilie
der Würger gehört. Die Würger zeichnen sich durch einige Besonderheiten
- wie einen starken, nach unten gebogenen Hakenschnabel, dem Festhalten
der Beute mit dem Fuß und deren Aufspießen auf Dornen - aus. Letzterer
Eigenschaft verdankt der Vogel auch seinen Namen Neuntöter bzw. Dorndreher.
Der Volksmund erzählt, dass er maximal nur neun Beutetiere aufspießt bzw.
erst nach neun Opfern mit der Mahlzeit beginnt. Aus diesem Grund wurde
dem Neuntöter auch Mordlust nachgesagt: Er wurde deshalb verfolgt und
getötet.
Vorkommen
Der Neuntöter brütet in Eurasien und ist der weitverbreitetste mitteleuropäische
Würger. Im Norden reicht sein Brutgebiet von Südskandinavien bis Mittelfinnland
und weiter in östlicher Richtung bis ins Westsibirische Tiefland. Im Süden
reicht es bis zu den Pyrenäen, Italien, Griechenland und Kleinasien. Im
Westen werden die Bretagne und die Normandie nicht besiedelt. In Großbritannien
brüten nur noch 1 bis 3 Paare vereinzelt in Schottland.
In Mitteleuropa bewohnt er weitestgehend offene Landschaften mit Büschen
(besonders Dornbüschen) wie z.B. Waldränder, Lichtungen, Moore, Heiden,
Trockenhänge, Äcker und Wiesen mit Büschen. Wenn verwilderte Abschnitte
mit Dornbüschen vorliegen, besiedelt er auch größere Gärten, Friedhöfe
und Parks.
Wanderungen
Der Neuntöter verbringt den geringsten Teil des Jahres im Brutgebiet.
Allein acht Monate hält er sich im Überwinterungsgebiet - oder auf dem
Weg dorthin bzw. von dort zurück - auf. Sein Zug verläuft als sogenannter
„Schleifenzug". Er zieht Ende August / Anfang September nicht in der allgemeinen
südwestlichen Richtung, also über Spanien und Westafrika ins Winterquartier,
sondern in südöstlicher Richtung, in einer schmalen Front über Griechenland
und Ägypten zu den Savannen- und Buschsteppenländern Ost-, Süd- und Südwestafrikas.
Der Heimzug erfolgt weiter östlich über das Rote Meer, Transjordanien
und schließlich über Kleinasien zurück in die mittel- und westeuropäischen
Brutgebiete, wo er Anfang Mai eintrifft. Dieser Zugverlauf des Neuntöters
hat vermutlich seine Ursache in den jahreszeitlich geänderten Windverhältnissen
innerhalb der Mittelmeerregion. Aufgrund seiner Zugleistung gehört der
Neuntöter zu den Langstreckenziehern.
Der vor allem in den Ländern der Dritten Welt sprunghaft zunehmende Einsatz
von Insektiziden hat einschneidende Folgen für die Ernährung zahlreicher
Vogelarten, die sich wie der Neuntöter animalisch und dabei überwiegend
von Insekten in ihren Durchzugs- und Überwinterungsgebieten ernähren.
Die massiven Bekämpfungsmaßnahmen von Insekten, Schnecken und anderen
Tieren zum Zwecke der Eindämmung oder Ausrottung von Krankheitserregern
oder aus wirtschaftlichen Gründen reduzieren alle diese Tierarten in einem
bisher nicht gekannten Ausmaß. Erschwerte Nahrungssuche und Nahrungsmangel
für die insektenfressenden Zugvögel sind die Folge. Dazu kommt die Zerstörung
von Lebensräumen großen Ausmaßes.
Aussehen
Der Neuntöter zeichnet sich durch auffälligen Geschlechtsdimorphismus
aus.
Männchen: Der Rücken und die Schultern sind rotbraun, der Oberkopf, der
Nacken sowie der Bürzel sind blaugrau gefärbt. Die dunklen Flügelfedern
weisen rostbraune Federränder auf. Es trägt eine markante Gesichtsmaske
in Form eines breiten schwarzen Striches von der Schnabelbasis durchs
Auge. Die Unterseite leuchtet lebhaft rosaweiß. Der schwarze Schwanz wird
von weißen Seiten gesäumt. Die dunkelbraunen Flügelfedern sind mit helleren
braunen Rändern gesäumt.
Weibchen: Die Oberseite ist ebenfalls rotbraun, aber weniger rötlich als
beim Männchen und der Oberkopf und der Bürzel sind mehr braun. Die Gesichtsmaske
weist eine bräunliche Farbe auf und wird am oberen Ende durch einen kurzen
hellen Brauenstreif geziert. Die rahmweiße Unterseite wird an Brust und
Flanken durch dunkle Halbmonde charakterisiert.
Jungvögel: Diese sind ähnlich wie die Weibchen gefärbt, aber die Ober-
und Unterseite sind bei ihnen kräftig geschuppt.
Der Gesang ist ein leises abwechslungsreiches Schwätzen mit gepressten
und kratzenden Elementen, der selten zu hören ist. Die Stimmen anderer
Vogelarten können imitiert werden und bilden einen wichtigen Bestandteil
des Gesangs, der oftmals 10 min und länger andauern kann. Der häufigste
Ruf ist ein raues „Gek gek", das Aufmerksamkeit andeuten soll. Außerdem
werden auch Warn-, Alarm- und Angriffslaute benutzt.
Der älteste Ringvogel erreichte ein Alter von 10 Jahren und 2 Monaten
und der älteste Vogel in Gefangenschaft ein Alter von 11 Jahren.
Nahrung
Neuntöter nutzen zum Nahrungserwerb oft erhöhte Warten wie z.B. Leitungsdrähte,
Zaunpfähle, Strauchspitzen u. a., von denen aus sie auf Jagd nach Großinsekten
(Käfern, Heuschrecken, Schmetterlingen, Hummeln, Bienen, Wespen), Gehäuseschnecken,
kleinen Eidechsen, Fröschen, Mäusen und Jung- bzw. Altvögeln (bis zu 30
Arten von Sperlingsvögeln nachgewiesen) gehen. Unverdauliche Nahrungsreste
werden in Form von kleinen Speiballen ausgeschieden. Bei reichlich vorhandener
Beute wird diese auf Dornen von Büschen oder auch Stacheldraht aufgespießt.
Im Spätsommer und im Herbst wird die tierische Nahrung durch Beeren (z.B.
von Holunder und Himbeere) und Früchte (z.B. Kirschen) ergänzt.
Warum besitzen Würger innerhalb der Vogelwelt die einzigartige Veranlagung,
ihre Beute aufzuspießen?
Zu dieser Frage existieren verschiedene Theorien bzw. Antworten:
1. Futterreserven
?Die älteste Erklärung geht davon aus, dass die aufgespießte Beute als
Vorratslager dient, um in beutearmen Zeiten bzw. bei schlechtem Wetter
das Überleben der Jungen zu sichern.
?Möglicherweise hat es innerhalb der Stammesgeschichte die Überwältigung
von Vögeln sowie Kleinsäugern und das Anlegen von Nahrungsvorräten durch
das Aufspießen dieser Tiere den Würgern überhaupt erst ermöglicht, die
insektenreichen Tropen zu verlassen und sich in kälteren Gebieten anzusiedeln.
2. Signalfunktion
?Die solcherart gesammelten Beutetiere und das Aufspießen dieser „Trophäen"
zeigen Artgenossen an, dass das Wohngebiet schon besetzt ist.
?In der Paarungszeit erhalten die Weibchen vielleicht so Informationen
über die Fitness und Kraft des Männchens, indem die Menge der Beute verrät,
wie viel Nahrung die Männchen für die Familie herbeischaffen können. Denn
Männchen mit vollen Vorratskammern brüten früher, erfolgreicher und öfter
als solche ohne Reserven.
Brutbiologie
Neuntöter führen eine monogame Saisonehe. Das Nest steht meist niedrig (1,5
– 2,5 m Höhe) in Büschen aller Art. Wobei Dornen- und Stachelsträucher,
wie Weiß- bzw. Schwarzdorn, Heckenrose, Berberitze, Schlehe und Brombeere
bevorzugt werden. Auch Baumbruten treten auf.
Der Nestbau wird von beiden Partnern betrieben. Generell kann man an Neuntöternestern
drei Schichten unterscheiden: Der lockere Außenbau wird aus dünnen Ästen,
Stängeln, Borke, Würzelchen sowie Laub errichtet. Der Mittelbau wird überwiegend
aus Moos und Halmen gefertigt, die Polsterung besteht aus Federn, Tierhaaren
u.a. In Neuntöternestern wurden auch schon Folienstücke, Schnüre, Textilien
und Papier gefunden.
Die Brutzeit beginnt im Mai und es gibt nur eine Brut. Bei Verlust des ersten
Geleges finden aber bis in den Juli hinein Nachbruten statt. Die 4 bis 6,
zuweilen auch 7 oder 8 Eier des Neuntöters variieren in den unterschiedlichsten
Grundfarben. Zwischen weißen, sandfarbenen, roten, und grünlichen Eiern
gibt es alle nur denkbaren Übergänge, wobei besonders der Fleckenkranz am
stumpfen Pol charakteristisch ist. Nur das Weibchen brütet 14 bis 16 Tage
lang und nach weiteren zwei Wochen verlassen die Jungen das Nest. Nach 26
Tagen fangen die Jungen an, selbständig zu jagen und sind mit 42 Tagen ausgewachsen.
Die Verluste an Jungvögeln bzw. Nestern werden durch Rabenvögel, Katzen,
Hermeline, Siebenschläfer, Greifvögel und Marder verursacht.
In vielen Gebieten ist der Neuntöter einer der häufigsten Kuckuckswirte.
Der Kuckuck, aber auch Eichelhäher, Goldammer, Steinschmätzer, Steinkauz,
Bussarde, Elster und Turmfalke sowie gelegentlich auch Menschen werden im
Brutbezirk oft heftig attackiert.
Bestand
Auch beim Neuntöter hat der Schutzaspekt globalen Umfang. Gefährdet sind
- vor allem durch die Lebensraumzerstörung und den Pestizideinsatz - alle
drei Teilareale seiner Verbreitung, also das Brut-, Durchzugs- und Überwinterungsgebiet,
die für die Arterhaltung entscheidend sind. Besonders in den landwirtschaftlich
stark genutzten Gebieten ist der Vogel durch die Verarmung der Landschaft
infolge der Rodungen von Hecken und Feldgehölzen gänzlich verschwunden.
Außerdem verschwanden in vielen Landesteilen weitere Biotope durch die Aufgabe
von Weidewirtschaft und Streuobstanbau. Deshalb wurde der Neuntöter großenteils
in Randhabitate zurückgedrängt.
In Deutschland hat der Neuntöter starke Bestandseinbußen hinnehmen müssen.
Wurden in der ersten Hälfte des 20. Jh. noch alle größeren Nordseeinseln
besiedelt, so fehlt er seit 1950 z.B. in vielen Tieflandsgebieten Nordrhein-Westfalens
sowie in den Marschlandschaften Niedersachsens und Schleswig-Holsteins.
Der Bestand in Großbritannien, wo der Vogel noch im 19. Jh. weit verbreitet
war, ist erloschen.
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Verbreitungsgebiet des Neuntöters
 Foto: K. Rönsch, 07/2009

siehe Naumann
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