Mehlschwalbe (Delichon urbica)
House Martin (Common
House-Martin)
Ordnung:
Sperlingsvögel
(Passeriformes)
Familie: Schwalben
(Hirundinidae)
Die Mehlschwalbe ist ein volkstümlicher Vogel. So ermittelte MENZEL (1996)
34 volkstümliche Namen, die sich auf Aussehen, Neststandort und Nestbaumaterial
beziehen. Allerdings dürften viele, besonders die lokal verwendeten, bereits
in Vergessenheit geraten sein.
Auch sonst hat sich vielerorts die Einstellung der Menschen gegenüber der
Mehlschwalbe geändert. Der Ordnungssinn in den Städten macht dem Kulturfolger
arg zu schaffen. Immer seltener finden sich in der städtischen Betonlandschaft
die für den Nestbau notwendigen Pützen und Kleingewässer sowie nicht versiegelte
Bodenbereiche. Auch die Nester an den Gebäuden stören, da der Kot der Jungvögel
für Verschmutzungen sorgt.
Vorkommen
Die Mehlschwalbe brütet in ganz Europa und ist überall ein verbreiteter
und häufiger Brutvogel. Allerdings ist die Besiedlung vom Vorkommen menschlicher
Siedlungen abhängig. Die Felsbrüter der Art tragen wenig zur Arealausweitung
bei, da auch sie im Gebirge Gebäude bevorzugen. Ab 2.000 m Höhe werden die
Vorkommen spärlicher. Außerhalb Europas kommt die Art in Asien ostwärts
bis Nordwestsibirien, in Japan sowie in Nordwestafrika vor.
Wanderungen
Die Mehlschwalbe ist ein Zugvogel und Weitstreckenzieher, der von April
bis Oktober im Brutgebiet anzutreffen ist. Die Vögel überwintern im gebirgigen
Afrika vom Südrand der Sahara bis zur Kapprovinz. Im Überwinterungsgebiet
ist die Mehlschwalbe nur selten in großer Zahl, sondern überwiegend einzeln
oder in kleinen Gruppen anzutreffen. Dabei werden felsige und unzulängliche
Gebiete bevorzugt. Zu Massenansammlungen kommt es nur bei Buschfeuern, wenn
die Vögel die aufgescheuchten Insekten jagen.
Vor dem Abflug ins Winterquartier versammeln sich die Mehlschwalben in großen
Schwärmen auf Leitungsdrähten.
Katastrophen während des Zuges, hervorgerufen durch anhaltende Schlechtwetterperioden,
können zum Zugstau und damit zum Massensterben von Mehlschwalben (Hungertod)
führen. Das letzte derartige Ereignis fand 1974 statt. Damals wurden Hunderte
von Schwalben von freiwilligen Helfern eingesammelt und per Bahn oder Flugzeug
über die Alpen nach Italien, Südfrankreich oder Nordafrika verfrachtet.
Aussehen
Die Mehlschwalbe ist etwas kleiner als die Rauchschwalbe und 12 bzw. 13
cm groß. Ihr Gewicht liegt bei 16 bis 25 g. Die Oberseite ist glänzend blauschwarz
gefärbt - mit matteren schwärzlichen Flügelfedern - von der sich die weiße
Unterseite und der weiße Bürzel deutlich abheben. Der blauschwarze Schwanz
ist kein so tief eingeschnittener Gabelschwanz wie bei der Rauchschwalbe.
Die Beine und die Füße der Mehlschwalbe sind weiß befiedert.
Jungen Mehlschwalben fehlt noch der metallische Glanz im Gefieder und sie
sind insgesamt grauer gefärbt.
Auffallend beim Flugbild ist der leuchtend weiße Bürzel. Die Flügel wirken
breiter als bei der Rauchschwalbe, der Schwanz wirkt leicht gegabelt und
ist ohne äußere Schwanzspieße.
Ihr Flug wirkt mehr flatternd und nicht so elegant wie der Flug der Rauchschwalbe.
Außerdem entwickelt die Mehlschwalbe eine höhere Flügelschlagfrequenz.
Die häufigste Stimmäußerung der Mehlschwalbe ist ein kurzes Schwätzen, das
überwiegend aus Rufen besteht. Allerdings ist der Gesang, ein leises Leiern
(„Leierschwalbe"), weniger abwechselungsreich als bei der Rauchschwalbe
und es fehlt das Schnurren am Ende der Strophen. Bei Gefahr ruft die Mehlschwalbe
ein hohes „zier" oder „ziürr". Im Flug wird als Ruf ein „prrt" oder „tschiripp"
vorgetragen, das sich insgesamt weicher als der ähnliche Ruf der Uferschwalbe
anhört.
Mehlschwalben erreichen selten ein Alter über 6 Jahre. Die älteste deutsche
Mehlschwalbe wurde 14,5 Jahre alt.
Nahrung
Mehlschwalben ernähren sich von kleinen Fluginsekten, wie z.B. Mücken, Blattläuse,
Fliegen, Käfer, Schmetterlinge und Wasserinsekten, die ausschließlich im
Flug erbeutet werden. Die Insekten werden von unten angeflogen und dann
ergriffen. Das Beutespektrum kann je nach Brutgebiet sehr variabel sein.
Bevorzugt wird zur Jagd offenes Gelände. Oft jagen sie zusammen mit Rauchschwalben,
allerdings im Luftraum über diesen. An regnerischen und wolkigen Tagen können
die Schwalben verstärkt über Gewässeroberflächen beobachtet werden, wo sie
das dortige Insektenangebot nutzen, da sich bei Abkühlung über den Gewässern
noch für einige Zeit sogenannte Warmzonen bilden und bestehen bleiben. Dabei
werden dann sogar Libellen erbeutet, oder auch die in großen Schwärmen über
Gewässern auftretenden Köcherfliegen.
Brutbiologie
In einigen Gegenden hat die Mehlschwalbe ihre ursprüngliche Gewohnheit an
Felsen zu brüten beibehalten. Diese möglichst senkrechten, vegetationsfreien
Wände zeichnen sich durch eine raue Oberfläche und Überdachungen aus, die
Schutz vor Regenwasser und anderen Wetterunbilden bieten. Mehlschwalben
sind gesellige Vögel, die im europäischem Raum Kolonien mit maximal 200
Brutpaaren bilden können. Anders als die Rauchschwalbe ist die Mehlschwalbe
nicht so eng an die menschliche Nutztierhaltung gebunden. So brütet die
Mehlschwalbe gleichermaßen an Gebäuden in Städten und Dörfern. Als Brutgebäude
werden freistehende, große und mehrstöckige Einzelgebäude bevorzugt. Die
Nester werden dort an der Außenseite der Gebäude an der Dachunterkante aber
auch in Giebel-, Balkon- und Fensternischen oder unter anderen Mauervorsprüngen
angebracht. In Neubaugebieten werden bevorzugt die Balkone besiedelt.
Als Brutstandorte dienen auch Industriegebiete und technische Anlagen. So
können Kolonien an Brücken, Talsperren und Schleusen, Fußgängerüberwegen
oder auch auf Fähren (Rügen) entstehen. Bestehende Kolonien werden oft über
Jahre hinweg als Nistplätze beibehalten.
Die Wahl für den Neststandort wird auch durch die Nähe von Gewässern (großenteils
im Radius von 500 m) oder die Bodenbeschaffenheit beeinflusst. Beide Faktoren
spielen für den Bau des Nestes (Material) eine entscheidende Rolle. Vorjährige
Nester werden bevorzugt angenommen und ausgebessert. Oftmals werden diese
Nester aber auch aufgegeben, wenn sie zu stark von Ungeziefer heimgesucht
werden.
Das Nest wird senkrecht an der Wand an rauhem Mauerwerk angebracht. Es hat
die Form einer Halbkugel, ist etwa 13 - 20 cm breit, 9 - 15 cm tief und
7 bis 18 cm hoch. Einige Nester in Kolonien können auch vollkugelig sein
und besitzen eine Eingangsröhre. Das Baumaterial für das Nest, hauptsächlich
Ton, Lehm und Schlamm, wird aus Pfützen, feuchten Bodenaufschlüssen oder
Gewässerufern gewonnen und mit Speichel vermischt. Stellenweise wird auch
Rinder- oder Schweinedung, seltener reine Gartenerde verwendet. Für die
Auspolsterung der Nestmulde werden Grashalme, Moos, Stroh, Wurzeln, Federn
u.a. Materialien verwandt.
Der Nestbau kann 8 bis 18 Tage dauern und wird durch beide Partner durchgeführt.
Dabei verlängert sich die Bauzeit bei Schlechtwetter und verkürzt sich mit
fortschreitender Brutsaison. Häufig kommt es vor, dass die Mehlschwalbennester
von anderen Vogelarten besetzt werden. Nachgewiesen wurden bisher 13 verschiedene
Vogelarten. Als starker Konkurrent kann sich dabei der Haussperling Passer
domesticus erweisen.
Die Mehlschwalbe zeitigt 2 Jahresbruten, wobei die Gelegegröße aus 4 bis
5 (selten 6) Eiern besteht. Die Gelegegröße wird durch den Zeitpunkt des
Nestbaus beeinflusst. Paare, die neue Nester bauen, haben meist nur 3 -
4 Eier. Die Eier sind reinweiß, ihr Durchmesser beträgt 18,1 x 13,1 mm und
das Eigewicht 1,05 bis 2,1 g. Die Brutzeit beginnt Mitte Mai und endet im
September. Die spätesten Jungen wurden im Oktober beobachtet. Beide Partner
bebrüten die Eier, der Hauptanteil entfällt auf das Weibchen. Die Brutzeit
beträgt 12 bis 15 Tage. Die Altvögel füttern die Jungen gemeinsam. Bei kaltem
und nassem Wetter geht die Fütterungsfrequenz deutlich zurück bzw. wird
ganz eingestellt. Anhaltende Schlechtwetterperioden führen dann oftmals
zum Tod der Jungen. Wobei Extremsituationen zu hundertprozentigem Brutausfall
innerhalb einer Kolonie führen können.
Gefüttert werden deutlich kleinere Insekten als bei Rauchschwalben, wie
Blattläuse, Mücken, Fliegen, Hautflügler, kleinere Schmetterlinge und Flugameisen.
Die Nahrung wird mit Speichel vermengt und als Futterballen übergeben.
Bestand
Für Deutschland geht eine Gesamtschätzung von 700.000 bis 1.400 000 Brutpaaren
aus. Großräumige Bestandsbeurteilungen sind bei der Mehlschwalbe allerdings
wenig zuverlässig. Besonders lokale Bestände sind starken Schwankungen unterworfen,
die sich durch Zugkatastrophen, Zerstörung und Aufgabe von Kolonien ergeben.
Weitere Probleme ergeben sich aufgrund von menschlichen Einflüssen. Die
zunehmende Verstädterung der Dörfer, die mit einer Versiegelung des Umlandes
einhergeht, führt dazu, dass die Mehlschwalbe kaum noch feuchte Plätze findet,
an denen sie Baumaterial für ihre Nester findet. Das gilt auch für die Populationen
in den Städten. Zusätzlich wird der Schwalbe - aufgrund der Verschmutzung
durch Kot - die Neubesiedlung von Gebäuden verwehrt. Dabei werden oftmals
die Nester zerstört. Die Architektur neuer Gebäude bietet außerdem den Schwalben
keine Möglichkeiten mehr, um ihre Nester anzukleben. Über das Anbringen
von Nisthilfen und Kunstnestern können die Schwalben allerdings deutlich
gefördert werden. Mithilfe von Kotbrettern kann man auch der Verschmutzung
vorbeugen.
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Verbreitungsgebiet der Mehlschwalbe

Kolonie der Mehlschwalbe (Delichon urbica)
im August 1999 unter einer Fußgängerbrücke in Halle /
Saale.
Kolonie der Mehlschwalbe (Delichon urbica) August
1999
unter einer Fußgängerbrücke in Halle / Saale.

Kolonie der Mehlschwalbe (Delichon urbica) im August
1999 unter einer Fußgängerbrücke in Halle / Saale.
Kolonie der Mehlschwalbe (Delichon urbica) im August 1999 unter einer
Fußgängerbrücke in Halle / Saale.
Kolonie der Mehlschwalbe (Delichon urbica) im August
1999 unter einer Fußgängerbrücke in Halle / Saale.
Kolonie der Mehlschwalbe (Delichon urbica) im August
1999 unter einer Fußgängerbrücke in Halle / Saale.

Kolonie der Mehlschwalbe (Delichon
urbica) im August 1999
unter einer Fußgängerbrücke in Halle / Saale. Weitere Bilder
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